{"id":2263,"date":"2023-01-05T08:00:00","date_gmt":"2023-01-05T07:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/?p=2263"},"modified":"2023-01-04T11:34:24","modified_gmt":"2023-01-04T10:34:24","slug":"eine-frage-der-haltung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/eine-frage-der-haltung\/","title":{"rendered":"Eine Frage der Haltung"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Hutewaldschweine-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-959\" srcset=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Hutewaldschweine-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Hutewaldschweine-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Hutewaldschweine-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Hutewaldschweine-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Hutewaldschweine.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">So wie diese Angler-Sattelschweine d\u00fcrfen unsere Schweine selten leben: Das ganze Jahr \u00fcber drau\u00dfen. | Alle Fotos: Florian Schwinn<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Es geht um Schweine, unsere meisten Nutztiere. Mit Vorschriften f\u00fcr deren Haltung will Bundeslandwirtschaftsminister Cem \u00d6zdemir die staatliche Haltungskennzeichnung beginnen und damit den Einstieg in den Umbau der Tierhaltung in Richtung Tierwohl. Das Gesetz ist in der ersten Lesung durch den Bundestag, die zweite und dritte folgen demn\u00e4chst. Danach k\u00f6nnen Fleischesser an der K\u00fchltheke erkennen, wie die Tiere gehalten wurden. Theoretisch!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcnf Haltungsstufen soll es geben. Die unterste ist die staatlich verordnete Mindestanforderung, die h\u00f6chste ist Bio. Womit die Probleme schon anfangen. Denn die EU-Bio-Verordnung setzt niedrigere Standards als zum Beispiel Neuland. Und das ist eine Marke, die seit den 1980er Jahren eben genau den Standard setzt. Getragen werden Verein und Marke vom Deutschen Tierschutzbund, dem Bund f\u00fcr Umwelt und Naturschutz Deutschland BUND und der Arbeitsgemeinschaft b\u00e4uerliche Landwirtschaft AbL.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"has-medium-font-size wp-block-heading\">Neuland<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neuland ist kein Biolabel, sondern eben ein Markenprogramm. Das einzige in Deutschland \u00fcbrigens, das mit Genehmigung der Bundesanstalt f\u00fcr Landwirtschaft und Ern\u00e4hrung mit besonders artgerechter Tierhaltung f\u00fcr sich werben darf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die <a href=\"https:\/\/www.neuland-fleisch.de\/richtlinien\/richtlinien-fuer-schweinehaltung\/\">Neuland-Richtlinien f\u00fcr die Schweinehaltung<\/a> sind dann auch sch\u00e4rfer als die Anforderungen der Europ\u00e4ischen Union f\u00fcr das Biosiegel. Bio ist also schlechter als Neuland. Dennoch soll Bio bei der neuen gesetzlichen Haltungskennzeichnung die h\u00f6chste Stufe sein. Was ist also Tierwohl in Zukunft \u2013 und wie geht es unserem meisten Nutztier, dem Schwein, oder wie soll es ihm gehen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um das herauszufinden, habe ich einen Neuland-Betrieb aufgesucht. Ich war bei Martin Schulz im Wendland. Er bewirtschaftet zweihundert Hektar Land, davon sind 65 Hektar Gr\u00fcnland, zum Teil in den Elbauen. Von diesem Land ern\u00e4hrt er bis zu neunhundert Schweine. Unter anderem mit deren Mist f\u00fcttert er die Biogasanlage, die Strom produziert und Fernw\u00e4rme f\u00fcr die H\u00e4user im Dorf. Die G\u00e4rreste sind D\u00fcnger f\u00fcr die Felder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, richtig gelesen: In Quickborn entsteht Strom und W\u00e4rme aus Mist. Es gibt keine G\u00fclle auf diesem Hof, denn die Schweine stehen nicht auf Spaltenb\u00f6den, also nicht auf Betonboden mit Ritzen, durch die Urin und Kot nach unten fallen. Die Tiere leben auf Einstreu aus Heu oder Stroh, in dem sie w\u00fchlen k\u00f6nnen. Und sie haben einen immer offenen Auslauf nach drau\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Martin Schulz den Hof von seinen Eltern \u00fcbernahm, war das ein kleiner konventioneller Betrieb mit gut drei\u00dfig Hektar Land, ein paar Sauen und zw\u00f6lf Milchk\u00fchen. Das erste eigene Projekt des damals Neunzehnj\u00e4hrigen: die Schweine rauslassen. Er zimmerte ihnen H\u00fctten als Unterschlupf und z\u00e4unte eine Wiese ein. Fertig war die Freilandhaltung. Und die Begeisterung des Jungbauern f\u00fcr die Schweine.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als er dann die Milchk\u00fche abschaffte, die er von den Eltern geerbt hatte, und die Spaltenb\u00f6den im Kuhstall zubetonierte, hielten ihn die Kolleginnen und Kollegen in der Umgebung f\u00fcr verr\u00fcckt. \u201eSie haben mich bel\u00e4chelt. Andere versuchen, sich weniger Arbeit zu machen, und ich fahre jetzt wieder mit der Mistkarre los.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"518\" src=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/MartinSchulz-Schweine-1024x518.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2266\" srcset=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/MartinSchulz-Schweine-1024x518.jpg 1024w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/MartinSchulz-Schweine-300x152.jpg 300w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/MartinSchulz-Schweine-768x388.jpg 768w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/MartinSchulz-Schweine-1536x777.jpg 1536w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/MartinSchulz-Schweine-2048x1036.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Neuland-Bauer und Vorsitzender des Arbeitskreises b\u00e4uerliche Landwirtschaft: Martin Schulz auf seinem Hof im Wendland. Alle Schweine haben Auslauf und leben auf Stroh- oder Heu-Einstreu.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"has-medium-font-size wp-block-heading\">Umsetzungsstau<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute ist Martin Schulz Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft b\u00e4uerliche Landwirtschaft AbL und einer der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von Neuland Nord. Und er ist einer der sch\u00e4rfsten Kritiker der von Bundeslandwirtschaftsminister Cem \u00d6zdemir geplanten Haltungskennzeichnung f\u00fcr Schweine. Obwohl diese genau die Kommission forderte, der er bis heute angeh\u00f6rt. Die sogenannte Borchert-Kommission, benannt nach dem ehemaligen Bundeslandwirtschaftsminister, der sie leitet. Eigentlich hei\u00dft die Kommission \u201eKompetenznetzwerk Nutztierhaltung\u201c und eigentlich ist sie auch von der vorherigen Bundesregierung eingesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die hatte aber nie die Absicht, die umst\u00fcrzenden Vorschl\u00e4ge der Kommission zum tiergerechten Umbau der Nutztierhaltung in Deutschland umzusetzen. Die derzeitige Regierung hat diese Absicht offenbar auch nicht, trotz gr\u00fcner F\u00fchrung im Landwirtschaftsministerium. Cem \u00d6zdemir hat die Arbeit der Kommission zwar gelobt, sein Gesetzentwurf zur Haltungskennzeichnung von Mastschweinen l\u00e4sst aber nicht erkennen, dass er deren Vorschl\u00e4ge auch nur aufgreifen m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zuerst scheiterte der grundlegende Vorschlag des Kompetenznetzwerks Nutztierhaltung, den tierhaltenden Betrieben den Umbau der St\u00e4lle und die Mehrarbeit durch mehr Tierwohl zu finanzieren. Die Kommission hatte daf\u00fcr eine Abgabe auf Fleisch vorgeschlagen und langfristige Finanzierungsvertr\u00e4ge mit dem Staat. Eine Fleischsteuer sei mit ihm nicht zu machen, sagte Finanzminister Christian Lindner. Eine einzelne Milliarde aus dem Haushalt gestand er dem Kollegen \u00d6zdemir f\u00fcr den Umbau der gesamten Tierhaltung zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit kann man nicht viel Umbau finanzieren. Vielleicht ist der Gesetzentwurf zur Haltungskennzeichnung f\u00fcr Schweine auch deshalb so kl\u00e4glich ausgefallen. Vier konventionelle Haltungsstufen soll es geben. Die h\u00f6chste Stufe ist dabei noch immer weit hinter dem zur\u00fcck, was Neuland seinen Mitgliedsbetrieben abverlangt. Und \u00fcber allem thront dann die Bio-Haltung nach EU-Verordnung, die ebenfalls noch weniger Tierwohl bietet als Neuland.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"has-medium-font-size wp-block-heading\">Mutlose Gesetzesvorlage<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Martin Schulz sagt, er sei erschrocken gewesen, als er den Gesetzentwurf f\u00fcr die Haltungskennzeichnung f\u00fcr Schweine gesehen habe. Unambitioniert, mutlos, weit zur\u00fcck hinter den Vorschl\u00e4gen, die aus der Landwirtschaft selbst kommen. Das waren die Kommentare zum Gesetzentwurf zur Haltungskennzeichnung von Schweinen. Und das Schlimmste: Es sind noch nicht einmal alle Schweine von der Kennzeichnungspflicht erfasst. Die Sauen und die Ferkel bleiben zun\u00e4chst au\u00dfen vor. Und das geht gar nicht, sagt Martin Schulz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die strengen Vorschriften f\u00fcr die Haltung der Zuchtsauen sind bei Neuland der Preistreiber in der gesamten Schweinehaltung. Die sogenannte Kastenhaltung, bei der die Sauen wochenlang fixiert werden, um ihre Ferkel nicht zu erdr\u00fccken, soll in Deutschland ohnehin auslaufen. Die Muttersauen und ihre Ferkel sollen in Zukunft sehr viel mehr Platz haben. Allerdings erst in zw\u00f6lf Jahren. Das Land Berlin hat vor allem gegen die Sauenhaltung und auch gegen die lange \u00dcbergangsfrist <a href=\"https:\/\/www.berlin.de\/sen\/verbraucherschutz\/aufgaben\/tierschutz\/normenkontrollantrag\/artikel.1128406.php\">Normenkontrollklage<\/a> beim Bundesverfassungsgericht eingelegt. Das Bundesland h\u00e4lt die Regelungen zur Schweinehaltung in der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung f\u00fcr verfassungswidrig. \u201eBerlin wendet sich insbesondere gegen die mehrw\u00f6chige Fixierung von Sauen in Kastenst\u00e4nden\u201c. So steht es auf der Netzseite der gr\u00fcnen Berliner Umweltsenatorin Bettina Jarasch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Jahr werden die Karlsruher wohl dar\u00fcber entscheiden. Wenn das Urteil kommt, sagt Martin Schulz, wird die Diskussion \u00fcber die Tierhaltung und insbesondere \u00fcber die Schweinehaltung in Deutschland noch einmal ganz neu Fahrt aufnehmen. Dann r\u00fcckt das Thema noch einmal in den Fokus und es d\u00fcrfte klar werden, dass das, was der gr\u00fcne Bundeslandwirtschaftsminister mit seiner Haltungskennzeichnung vorgelegt hat, weit entfernt ist von dem, was eine Mehrheit der Deutschen und auch der B\u00e4uerinnen und Bauern sich unter Tierwohl vorstellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht hat Cem \u00d6zdemir auch deshalb die Sauenhaltung erst einmal au\u00dfen vor gelassen, um am Ende nicht so vorgef\u00fchrt dazustehen wie die letzte Bundesregierung, als ihr das Bundesverfassungsgericht die zu wenig ambitionierte Klimaschutzpolitik um die Ohren gehauen hat.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"has-medium-font-size wp-block-heading\">Weniger Schweine<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem Weg durchs Wendland zu Martin Schulz hat mir das Autoradio erz\u00e4hlt, dass die Anzahl der in Deutschland gehaltenen Schweine im Jahr 2022 um \u00fcber zehn Prozent zur\u00fcckgegangen ist. Etwas mehr als 21 Millionen Schweine leben noch in deutschen St\u00e4llen. H\u00f6rt sich sagenhaft viel an. Vor nur drei Jahren waren es aber noch fast f\u00fcnf Millionen mehr. Auch die Zahl der schweinehaltenden Betriebe ist erneut gesunken, auf weniger als 17.000. Vor zwei Jahren gab es noch \u00fcber 20.000 Schweineh\u00f6fe, um die Jahrtausendwende noch mehr als 120.000. Die Schweinebauern h\u00f6ren auf. Die Zahl der Schweine sinkt aber langsamer als die Zahl der Betriebe. Was hei\u00dft: Mehr Schweine leben in industrialisierten Gro\u00dfbetrieben. Und das ist wohl genau das, was jene Mehrheit, die f\u00fcr mehr Tierwohl votiert, nicht will.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es macht nicht nur einen Unterschied, wie unsere Tiere gehalten werden, es macht auch einen Unterschied, wer sie h\u00e4lt. Ob sie in einem b\u00e4uerlichen Betrieb leben oder in einer Industrieanlage, die Konzernen oder Investoren geh\u00f6rt. Sagt Martin Schulz und verweist darauf, dass das auch etwas mit Ern\u00e4hrungssicherheit zu tun hat. Die gelte den meisten Menschen in Deutschland wohl als so sicher, dass sie sich dar\u00fcber keine Gedanken machen. Ob das aber auch noch so ist, wenn unser Essen nur noch von Industriebetrieben hergestellt wird, die allein von Profit geleitet sind? \u201eDie meisten b\u00e4uerlichen Betriebe denken doch anders.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"594\" src=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Schwein-HusumerPoppenbuell-1024x594.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2267\" srcset=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Schwein-HusumerPoppenbuell-1024x594.jpg 1024w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Schwein-HusumerPoppenbuell-300x174.jpg 300w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Schwein-HusumerPoppenbuell-768x445.jpg 768w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Schwein-HusumerPoppenbuell-1536x891.jpg 1536w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Schwein-HusumerPoppenbuell-2048x1188.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Immer neugierig, immer drau\u00dfen: Rot-wei\u00dfe Husumer Protestschweine im Schnee. Iris Rubbert z\u00fcchtet die vom Aussterben bedrohte alte Schweinerasse mit der besonderen deutsch-d\u00e4nischen Geschichte.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"has-medium-font-size wp-block-heading\">Drau\u00dfennische<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ortswechsel. Wir springen von der Elbaue im Wendland nach Nordfriesland, auf die Halbinsel Eiderstedt in der Nordsee. Von der ehemals als Nische verlachten Schweinehaltung auf Stroh und Heu des Martin Schulz\u2018 in die noch neuere Nische der Freilandhaltung. Zur\u00fcck zur Natur \u2013 in diesem Fall zu der der Schweine.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwischen dem Ferienort Sankt Peter Ording und dem Ausflugsziel Leuchtturm Westerheversand liegt der Hof von Iris Rubbert. Vor vier Jahren hat sie ihn gekauft, einen Resthof, also eine aufgegebene Landwirtschaft, allerdings mit immerhin vier Hektar Land. Und auf diesem Land direkt am Hof, da h\u00e4lt sie \u2013 na klar \u2013 Schweine.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie das bei Martin Schulz im Wendland am Anfang war, sind die Schweine hier auch das ganze Jahr \u00fcber drau\u00dfen. Es gibt keine St\u00e4lle, nur kleine Schutzh\u00fctten auf der Wiese. Die Sauen geb\u00e4ren ihre Ferkel auch in einer solchen H\u00fctte im Stroh. Oder drau\u00dfen, wenn sie wollen. Es gibt keinen Kastenstand, keine Abferkelbucht, keine W\u00e4rmelampe f\u00fcr die Kleinen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp; Daf\u00fcr aber gibt es alte Nutztierrassen. Iris Rubbert h\u00e4lt Angler-Sattelschweine, schwedische Linder\u00f6d und neuseel\u00e4ndische Kunekune. Allesamt vom Aussterben bedrohte alte Schweinerassen. Und sie z\u00fcchtet ein noch selteneres Schwein: das rotwei\u00dfe Husumer Protestschwein.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"has-medium-font-size wp-block-heading\">Protestschwein<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Husumer Protestschwein ist einen kleinen Exkurs wert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist entstanden, nachdem 1864 Preu\u00dfen und das verb\u00fcndete \u00d6sterreich den Krieg gegen D\u00e4nemark gewonnen hatten und Schleswig und Holstein besetzten. Danach verboten die Preu\u00dfen der d\u00e4nischen Minderheit im heutigen Schleswig-Holstein, den Dannebrog zu zeigen, also die rot-wei\u00dfen d\u00e4nischen Farben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daraufhin holten sich d\u00e4nische Schweinez\u00fcchter, die das schwarz-wei\u00dfe Angler-Sattelschwein hielten, rote Duroc- oder Tamworth-Eber aus England. Gekreuzt ergab sich ein rot-wei\u00dfes Schwein. Das lief danach durch die Gassen der St\u00e4dte und D\u00f6rfer, wie das damals \u00fcblich war. Die unfreiwillig deutsch gewordenen D\u00e4nen zeigten also wieder ihre Farben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Preu\u00dfen setzten sogar eine Untersuchungskommission ein, um zu ermitteln, ob diese Schweine zuf\u00e4lliges Zuchtergebnis oder gezielte Provokation waren. Ergebnis: keines. Dennoch hei\u00dfen die rot-wei\u00dfen Husumer bis heute mit Beinamen Protestschwein. Und ihr Bestand ist gef\u00e4hrdet, weil alle alten Haustierrassen von den industriellen Z\u00fcchtungen verdr\u00e4ngt wurden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"has-medium-font-size wp-block-heading\">Kein Zutritt!<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit der Schweinehaltung angefangen hat Iris Rubbert in ihrem gro\u00dfen Garten, damals noch an der Ostseek\u00fcste. Nachdem sie bei der Telekom aufgeh\u00f6rt hatte, arbeitete sie zwei Jahre in einem konventionellen Ferkelzuchtbetrieb. Dort lernte sie die Schweine kennen \u2013 und lieben. Wie Martin Schulz hat sie sich verguckt in unser wohl intelligentestes, sicher aber neugierigstes Nutztier. Und sich dann gefragt, ob ihr Garten nicht auch f\u00fcr die Schweinehaltung taugen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"484\" src=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/IrisRubbert-Trecker-1024x484.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2268\" srcset=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/IrisRubbert-Trecker-1024x484.jpg 1024w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/IrisRubbert-Trecker-300x142.jpg 300w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/IrisRubbert-Trecker-768x363.jpg 768w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/IrisRubbert-Trecker-1536x726.jpg 1536w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/IrisRubbert-Trecker-2048x968.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Schweineb\u00e4uerin mit Arbeitsger\u00e4t: Iris Rubbert l\u00e4sst in Poppenb\u00fcll auf der Halbinsel Eiderstedt seit vier Jahren die Sau raus &#8211; und den Eber und den Nachwuchs nat\u00fcrlich auch. <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur, welches Schwein passt in einen Garten? \u201eEine schlecht gelaunte Zweihundert-Kilo-Sau m\u00f6chte man ja nicht im Garten haben\u201c, sagt Iris Rubbert. Und kam nach einigem Studium \u00fcber Rasseschweine auf die neuseel\u00e4ndischen Kunekune Weideschweine. Die wurden urspr\u00fcnglich von den Maori gez\u00fcchtet und dann von ein paar Wissenschaftlern vor dem Aussterben gerettet. Kunekune hei\u00dft in der Sprache der Maori \u201erund und dick\u201c. Die Schweine sind klein, freundlich und tats\u00e4chlich Weideschweine, also mit Gras und Heu eigentlich schon zufrieden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Irgendwann war der Garten an der Ostsee dann doch zu klein und es musste ein Resthof mit ein paar Hektar Land her. Der fand sich vor vier Jahren dann an der Nordsee. Und das Veterin\u00e4ramt Nordfriesland genehmigte tats\u00e4chlich auch die Freilandhaltung. Was keineswegs \u00fcblich ist. Viele Veterin\u00e4r\u00e4mter sind da eher restriktiv. Schweine, die drau\u00dfen leben, k\u00f6nnten ja zum Beispiel mit der Afrikanischen Schweinepest infiziert werden. Die k\u00f6nnte von V\u00f6geln eingetragen werden. \u00c4u\u00dferst unwahrscheinlich, aber der Konjunktiv verhindert vieles in diesem Land.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Nordfriesland am Ende dann aber doch nicht. Iris Rubberts Schweine d\u00fcrfen raus, allerdings mit hohen Auflagen. Das gesamte vier Hektar gro\u00dfe Gel\u00e4nde muss mit einem festen Zaun umgeben werden, der f\u00fcnfzig Zentimeter tief in die Erde gegraben ist. Innerhalb dieses Zauns gibt es dann noch weitere, die unter Strom stehen, denn die Schweine d\u00fcrfen nicht zum Au\u00dfenzaun gelangen. Sonst k\u00f6nnten sie ja Kontakt zu Wildschweinen bekommen, die es auf der Halbinsel Eiderstedt gar nicht gibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Poppenb\u00fcll kann man sich jetzt anschauen, was die deutschen Hygiene- und Seuchenschutzverordnungen f\u00fcr Tiere und Menschen bedeuten. Kein Zutritt ist das Prinzip. Tier und Mensch bleiben getrennt. Nichts ist mit Hingehen oder gar streicheln. Die Tiere, die nur f\u00fcr uns leben, sind via Gesetz und Verordnung nicht zug\u00e4nglich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit Bedacht hat Iris Rubbert dann auch die H\u00fctten, in denen ihre Sauen die Ferkel geb\u00e4ren, an den Zaun zur Stra\u00dfe hin gestellt. So k\u00f6nnen ihre Kunden oder Menschen, die das werden wollen, wenigstens von dort aus die Schweine beobachten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"has-medium-font-size wp-block-heading\">Nose to Tail?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anders als Martin Schulz, der seine Schweine \u00fcber Neuland an Metzgereien, Kantinen und Mensen verkauft, ist Iris Rubbert auf die Direktvermarktung angewiesen. In Poppenb\u00fcll kann man jetzt Fleisch bestellen und es dann beim Schlachter abholen. Oder man kann gleich ein ganzes Schwein leasen. Das ist f\u00fcr Iris Rubbert die beste Art der Vermarktung. Wenn ihre Kunden ein Schwein auf Raten bestellen, dann zahlen sie jeden Monat siebzig Euro und am Ende nach vierzehn oder f\u00fcnfzehn Monaten nur noch den Schlachter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit muss die Schweineb\u00e4uerin das Futter nicht mehr f\u00fcr alle Tiere vorfinanzieren und ihre Kunden haben am Ende \u201eihr\u201c Schwein. Das allerdings \u00fcberfordert viele dann doch, weshalb sie noch nicht allzu viele Schweine \u201everleast\u201c hat. Es gibt nicht mehr viele gr\u00f6\u00dfere Familien, die mit einem zerlegten ganzen Schwein umgehen k\u00f6nnen und die entsprechend gro\u00dfe K\u00fchltruhe im Keller haben. Es sind auch noch nicht viele auf die Idee gekommen, sich ein Schwein zu teilen. \u201eViele k\u00f6nnen auch mit ganz vielen Teilen vom Schwein nichts anfangen\u201c, sagt Iris Rubbert, \u201emit der Zunge oder dem Herz zum Beispiel. Und als Leber geht nur Rinderleber.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die von der \u00d6kobewegung und vielen Foodbloggern propagierte Verwertung des ganzen Tiers \u2013 from <a href=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/alles-essen\/\">Nose to Tail<\/a>: Fehlanzeige. Oder vielleicht auch eine Erziehungsaufgabe f\u00fcr Direktvermarkter. Beim Biolandbetrieb <a href=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/landwirtschaft-als-naturschutz\/\">Bunde Wischen<\/a>, der mit Rindern Naturschutzgebiete pflegt, hat das geklappt. Da kaufen die Kunden zum Beispiel auch Zungenragout. \u00c4hnlich bei der kleinen Bioladenkette <a href=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/der-faire-preis\/\">Landwege<\/a> in L\u00fcbeck. Die hat allerdings auch eigens eine Gro\u00dfk\u00fcche eingerichtet, um den Kunden die Gerichte aufzubereiten. So etwas kann sich eine kleine Schweineb\u00e4uerin, die gerade erst angefangen hat, nicht leisten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"has-medium-font-size wp-block-heading\">Nicht gewollt!<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was sie sich dagegen leisten muss, ist ein K\u00fchlraum, der den Hygienevorschriften einer Metzgerei entspricht und entsprechend abgenommen ist. Denn nur so kann sie in Zukunft ihr Fleisch direkt an die Kunden abgeben. Zurzeit m\u00fcssen ihre Kunden noch selbst zum Schlachter fahren und sich ihr Fleisch dort abholen. Oder sie holt die fertig abgepackten und vakuumierten Portionen mit dem daf\u00fcr extra gemieteten K\u00fchlanh\u00e4nger und klappert dann ihre Kunden ab. Auf ihren Hof fahren und dort zum Abholen bereitstellen darf sie ohne den vorschriftsm\u00e4\u00dfigen K\u00fchlraum nichts. Nicht einmal abgepackt und vakuumiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angesichts der Flut von Vorschriften und Verboten, der sie sich bei der Schweinehaltung und Vermarktung gegen\u00fcbersieht, fasst Iris Rubbert zusammen: \u201eEs ist nicht gewollt!\u201c Was sie tut und viele andere Landwirte wohl auch gerne tun w\u00fcrden, die Tiere rauslassen und die Vermarktung selbst in die Hand nehmen, das sei nicht gewollt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEs sind so viele Vorschriften angeblich im Sinne der Lebensmittelsicherheit in diesem ganzen Prozess von Erzeugung und Vermarktung etabliert worden, dass es fast unm\u00f6glich gemacht wird, so etwas umzusetzen.\u201c Die Vorschriften seien f\u00fcr Gro\u00dfbetriebe und Lebensmittelketten gemacht und verhindern damit alles andere. \u201eEs sind eben nur die Gro\u00dfbetriebe gewollt und es ist nur der Lebensmitteleinzelhandel gewollt. Es ist weder Direktvermarktung gewollt, noch sind kleine Schlachtereien gewollt, noch regionale Angebote.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ob Tierwohl wirklich gewollt ist von der Politik, das steht auch noch in den Sternen. Wir werden sehen, was passiert, wenn irgendwann in diesem Jahr das Bundesverfassungsgericht die Schweinehaltungsverordnung kassiert. Seit 2019 l\u00e4uft die Berliner Normenkontrollklage, im letzten Jahr schon h\u00e4tte das Urteil kommen sollen. Nun wird es wohl in diesem Jahr fallen. Wir werden erfahren, was die Karlsruher Richterinnen und Richtern von der Politik dann wollen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Thema zum H\u00f6ren gibt\u2019s im <a href=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/ffe17-eine-frage-der-haltung\/\">Podcast<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es geht um Schweine, unsere meisten Nutztiere. 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