{"id":3080,"date":"2025-04-03T08:00:00","date_gmt":"2025-04-03T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/?p=3080"},"modified":"2025-04-01T09:23:20","modified_gmt":"2025-04-01T07:23:20","slug":"o-schoener-weide-wald","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/o-schoener-weide-wald\/","title":{"rendered":"O sch\u00f6ner Weide-Wald"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"579\" src=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/CFD-Landschaft-mit-Eiuchen-und-Jaeger.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3083\" srcset=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/CFD-Landschaft-mit-Eiuchen-und-Jaeger.jpg 800w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/CFD-Landschaft-mit-Eiuchen-und-Jaeger-300x217.jpg 300w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/CFD-Landschaft-mit-Eiuchen-und-Jaeger-768x556.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">\u00bbLandschaft mit Eichen und J\u00e4ger\u00ab hei\u00dft dieses Bild von Caspar David Friedrich. Wie oft beim romantischen Hausmaler der Deutschen ist der Mensch ganz klein &#8211; in der Bildmitte unten gibt es tats\u00e4chlich einen J\u00e4ger mit Flinte. Was uns der Meister aber auch zeigt: Wie der damals noch mehr als heute besungene deutsche Wald vor zweihundert Jahren aussah. Ganz anders als in unseren heutigen Wald-Nationalparks.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Was erlebt man eigentlich, wenn man in einen unserer Wald-Nationalparke wandert, wenn man dem werbenden Rufen des hessischen Kellerwalds folgt und \u00bbAbtauchen\u00ab will \u00bbins Buchenmeer\u00ab? Wenn man also eine Wanderung macht, hinein in die hallenhohen Buchenbest\u00e4nde? Zu sehen gibt es da m\u00e4chtige St\u00e4mme und im Fr\u00fchjahr auch viele Bl\u00fcten am Boden. Die verschwinden aber bald in schummerigem Licht, wenn die Buchen das Bl\u00e4tterdach ganz da oben geschlossen haben. Dann gibt es unten haupts\u00e4chlich das welke Laub vom Vorjahr zu sehen. Und zu h\u00f6ren gibt es auch eher wenig. Ein fernes Flugzeug vielleicht. Aber das Vogelkonzert? Das Rascheln der Tiere, das Huschen? Fehlanzeige.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man tief drin ist im Buchenwald, dann ist es still. Die Tiere wollen offenbar nichts wissen vom <a href=\"https:\/\/www.weltnaturerbe-buchenwaelder.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Weltnaturerbe<\/a>. Das liegt daran, dass der Buchenwald alles andere als ein artenreiches Biotop ist. Unter dem geschlossenen Bl\u00e4tterdach des Buchenwaldes lebt nicht viel, au\u00dfer Buchen. Mitnichten beherbergen die Buchen-Nationalparke Hainich und Kellerwald \u00bbEuropas urspr\u00fcngliche Wildnis\u00ab. Sie sind vielmehr das Ergebnis einer jahrtausendelangen Ausrottungskampagne unserer Vorfahren gegen die gro\u00dfen Tiere Europas: die Mammuts, die Waldelefanten, die Auerochsen \u2014 und auch die einst gewaltigen Herden von Rentieren und anderen Hirschen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Unsere W\u00e4lder<\/p>\n\n\n\n<p>Hier geht es dieses Mal um die Wiederherstellung der eigentlichen nat\u00fcrlichen Landschaft Mitteleuropas \u2013 und ganz nebenbei um die Produktion vorz\u00fcglicher Lebensmittel. Und das im Wald, allerdings in einem, der ganz anders ist als der Buchenwald. Es geht um einen Wald, der vor Leben strotzt, der Heimat der Artenvielfalt ist, und Klima- und Bodenschutz auch noch.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht um den Wald, den Joseph von Eichendorff besungen hat:<\/p>\n\n\n\n<p>O T\u00e4ler weit, o H\u00f6hen,<br>O sch\u00f6ner, gr\u00fcner Wald,<br>Du meiner Lust und Wehen<br>And\u00e4cht\u2032ger Aufenthalt!<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man im Netz nach Eichendorffs ber\u00fchmtem Gedicht \u00bbAbschied\u00ab sucht, gemeint ist der Abschied vom Wald, dann findet man neben Mendelssohns Chorfassung auch Schauspieler, die das Gedicht vorlesen. Fritz Stavanger zum Beispiel. Und dessen YouTube-Video ist dann bebildert mit den romantischen Klassikern von Caspar David Friedrich. Und die zeigen mitnichten geschlossenen Hochwald; wohl auch, weil es den vor zweihundert Jahren kaum gab. Entsprechend ist vom Schweigen im Walde bei Eichendorff auch nicht die Rede.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es beginnt zu tagen,<br>Die Erde dampft und blinkt,<br>Die V\u00f6gel lustig schlagen,<br>Da\u00df dir dein Herz erklingt:<br>Da mag vergehn, verwehen<br>Das tr\u00fcbe Erdenleid,<br>Da sollst du auferstehen<br>In junger Herrlichkeit!<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbO sch\u00f6ner Weide-Wald\u00ab habe ich diesen Blog \u00fcberschrieben \u2013 in Anlehnung an Eichendorffs Vers. Denn darum geht es heute: Wie wir mit ganz einfachen Mitteln, mit der Hilfe unserer Tiere n\u00e4mlich, die W\u00e4lder wieder beleben. Nicht um Urw\u00e4lder aus ihnen zu machen, wie es sie nur in unserer Vorstellung gibt, wie es sie hier in Mitteleuropa aber wahrscheinlich nie gab, sondern um sie wieder anzureichern mit Leben, um sie zum Hort von Biodiversit\u00e4t zu machen, von Artenvielfalt. Und um ihnen zu helfen, in der Klimakrise zu bestehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Angeregt hat diesen Blog das j\u00fcngste Buch des Naturfilmers Jan Haft. Es hei\u00dft schlicht, aber nicht einfach: \u00bbUnsere W\u00e4lder\u00ab. Nicht einfach, weil schon der Untertitel \u00bbWie sie sind, wie sie sein k\u00f6nnten\u00ab darauf verweist, dass es unseren W\u00e4ldern besser gehen k\u00f6nnte. Das Cover zeigt unter dem Foto einer riesigen alten Eiche schemenhaft gezeichnet einen Rothirsch und \u2013 oh Wunder \u2013 im Hintergrund ein Rind und ein Pferd. Das zeigt schon, wo es hingeht, in die Wald-Weide n\u00e4mlich.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/index.php?cl=details&amp;libriid=9783328603634&amp;listtype=search&amp;searchparam=jan%20haft\" target=\"_blank\" rel=\" noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"418\" height=\"665\" src=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Jan-Haft-Waelder-Cover.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3091\" style=\"width:317px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Jan-Haft-Waelder-Cover.jpg 418w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Jan-Haft-Waelder-Cover-189x300.jpg 189w\" sizes=\"auto, (max-width: 418px) 100vw, 418px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Ohne Ziel und Ende<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNatur ist ein dynamisches Gef\u00fcge\u00ab, sagt Jan Haft, \u00bballes was lebt und sich vermehrt, hat auch seine Widersacher.\u00ab Es gibt J\u00e4ger und Gejagte, Schmarotzer und Profiteure. Es sei aber nicht nur ein Gegeneinander, auch ein Miteinander. Einer der Filme, die parallel zum Buch \u00fcber \u00bbUnsere W\u00e4lder\u00ab f\u00fcr \u00bbErlebnis Erde\u00ab entstanden sind, hei\u00dft im Untertitel \u00bbDas Netzwerk der Tiere\u00ab. Auch die B\u00e4ume hatten einmal ihre Widersacher \u2013 die gro\u00dfen Pflanzenfresser, sagt der Biologe Jan Haft: \u00bbOhne Widersacher neigen die B\u00e4ume dazu, sich im Konkurrenzkampf mit sich selbst zu messen. Dann \u00fcberleben die St\u00e4rksten von nur wenigen Baumarten und dann geht die Vielfalt im Wald fl\u00f6ten.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Natur ist dynamisch und kennt keinen Stillstand. Schon deshalb ist ein reiner Buchen-Hochwald auch kein nat\u00fcrlicher Zustand, schon gar kein Endzustand, wie uns die Lehrmeinung der Forstwirtschaft wei\u00dfmachen will. Und wie es viele Natursch\u00fctzer propagieren, die dem Motto \u00bbNatur Natur sein lassen\u00ab fr\u00f6nen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Idee, dass sich echte mitteleurop\u00e4ische Natur von selbst wiederherstellt, wenn die Menschen schlicht nichts mehr tun, ist nicht neu. Johann Heinrich Cotta, einer der Begr\u00fcnder der Forstwirtschaft, einer urdeutschen Wissenschaft \u00fcbrigens, schrieb 1828 in der Vorrede zu seiner \u00bbAnweisung zum Waldbau\u00ab:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWenn die Menschen Deutschland verlie\u00dfen, so w\u00fcrde dieses nach 100 Jahren ganz mit Holz bewachsen seyn.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Viele F\u00f6rster und viele Natursch\u00fctzer glauben das bis heute. Ob-wohl schon Johann Heinrich Cotta damals wohl einen leisen Zweifel hegte, ob der geschlossene Hochwald an sich wohl die eigentlich fruchtbare vielf\u00e4ltige Natur sei, denn er schrieb \u00fcber das Holz:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDa nun letzteres niemand benutzte, so w\u00fcrde es die Erde d\u00fcngen, und die W\u00e4lder w\u00fcrden nicht blos gr\u00f6\u00dfer, sondern auch fruchtbarer werden.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist die Idee von Wald, von der Jan Haft eben sagt, dass sie gl\u00fccklicherweise so langsam br\u00f6ckele. Die Apologeten der so genannten Klimax-Theorie, die postulieren, dass der Endzustand der heimischen Natur der geschlossene Hochwald sei, haben n\u00e4mlich die Gegenspieler der B\u00e4ume schlicht ausgeblendet: die gro\u00dfen Pflanzenfresser.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon der Gedanke, dass es einen Endzustand der Natur geben kann, ist im Prinzip widernat\u00fcrlich. Es gibt in der Natur jede Menge Anf\u00e4nge, aber keinen Endzustand. Auch der Tod ist kein Ende, weil aus dem gestorbenen Organismus jede Menge neues Leben entsteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gro\u00dfen Pflanzenfresser, die die Klimax-Theorie mit ihrer Idee vom fl\u00e4chendeckenden Hochwald ausblendet, sind systemisch f\u00fcr unsere Natur, sagt Jan Haft. Europa war fl\u00e4chendeckend von gro\u00dfen Pflanzenfressern besiedelt, bis unsere Vorfahren sie dezimierten und ausrotteten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDie Leute m\u00fcssen verstehen, das urspr\u00fcnglich nicht Afrika der Kontinent der gro\u00dfen Tiere ist\u00ab, sagt Jan Haft. Dort seien nur weniger gro\u00dfe Pflanzenfresser ausgerottet worden. In Afrika waren das nur zwei Arten, in Europa waren es zw\u00f6lf Tierarten, die \u00fcber eine Tonne schwer wurden. In Amerika waren das sogar 29 Tierarten mit \u00fcber einer Tonne Lebendgewicht. Die sind alle innerhalb von rund siebenhundert Jahren verschwunden, nachdem die Menschen durch die damals trocken liegende Beringstra\u00dfe ins heutige Alaska einwanderten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtig ist Jan Haft, dass wir begreifen: \u00bbDie gro\u00dfen Tiere sind systemisch f\u00fcr die Welt, sie sind systemisch f\u00fcr die Erde, sie sind systemisch f\u00fcr alle Lebensr\u00e4ume, sogar f\u00fcr die marinen, wo die Wale eine riesige Rolle spielen beim Kohlenstoffkreislauf.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"663\" src=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/JanHaft-auf-Bueffelweide-1024x663.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3090\" srcset=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/JanHaft-auf-Bueffelweide-1024x663.jpg 1024w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/JanHaft-auf-Bueffelweide-300x194.jpg 300w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/JanHaft-auf-Bueffelweide-768x497.jpg 768w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/JanHaft-auf-Bueffelweide-1536x995.jpg 1536w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/JanHaft-auf-Bueffelweide-2048x1326.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Der Autor auf der B\u00fcffelweide. Jan Haft h\u00e4lt Wasserb\u00fcffel. Sein in Buch und Film beschriebenes \u00bbParadies nebenan\u00ab  &#8211; die Wiese &#8211; ist inzwischen zur Weide geworden. | Foto: Nautilus Film<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Wald und B\u00e4ume<\/p>\n\n\n\n<p>Sind W\u00e4lder auch systemisch? F\u00fcr die Regenwaldgebiete der Erde sicher. Dort sind die W\u00e4lder auch belebt und voller Artenvielfalt. Aber sind sie das auch in Mitteleuropa, gar in Deutschland, wo der geschlossene Hochwald artenarm ist, eine Monokultur?<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist eigentlich unsere Definition von Wald? Wikipedia sagt: \u00bbDie Definition von Wald ist notwendigerweise vage und h\u00e4ngt vom Bedeutungszusammenhang ab.\u00ab Dann zitiert das Lexikon ein forstliches Lehrbuch, wonach es sich um eine Pflanzenformation handelt, die \u00bb im Wesentlichen aus B\u00e4umen aufgebaut ist und eine so gro\u00dfe Fl\u00e4che bedeckt, dass sich darauf ein charakteristisches Waldklima entwickeln kann\u00ab. Auch diese Definition eher vage. Das kann der dichte Buchenwald sein. Das kann aber auch ein lichter Wald sein, vielleicht gar eine Aneinanderreihung von Lichtungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Daf\u00fcr spricht, dass in unseren Breiten die R\u00e4nder das Lebendigste am Wald sind, oder eben die Lichtungen. Jan Haft gibt zu bedenken, dass die meisten heimischen Baumarten im dichten Hochwald \u00fcberhaupt nicht leben k\u00f6nnen. Und auch all die Tiere nicht, selbst wenn ihre Namen mit dem Wort Wald beginnen. Die Waldschnepfe ist mitnichten ein Vogel dichter W\u00e4lder, sie br\u00fctet in feuchten Laub- und Mischw\u00e4ldern mit vielen Lichtungen. Der Waldkauz br\u00fctet gerne in Parks und bevorzugt dabei Eichen, die es im dichten Wald mit geschlossenem Kronendach nicht gibt. Das Waldbrettspiel, einer unserer Augenfalter, lebt in lichten W\u00e4ldern, seine Raupen fressen an Gr\u00e4sern, die es im dichten Buchenwald nicht gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Jan Haft erz\u00e4hlt von einer Reise in einen der gr\u00f6\u00dften Buchenw\u00e4lder Europas: Zehntausend Hektar gro\u00df, ein sogenannter Urwald, der zumindest seit 250 Jahren keine Axt mehr gesehen hat. \u00bb Und im Inneren dieses Waldes sieht man dann auch keinen Fuchsbau mehr und keinen Dachsbau\u00ab, dort br\u00fcte keine Eule und auch kein Specht, weil den Tieren der Weg aus dem Wald einfach zu weit sei. Und hinaus m\u00fcssten sie, um Futter zu finden. Fazit: \u00bbDer dichte Wald kann nicht der nat\u00fcrliche Lebensraum f\u00fcr unsere Fauna, Flora und Pilze gewesen sein.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab ihn ja auch nur als Ausnahmeerscheinung und auf gr\u00f6\u00dferer Fl\u00e4che nur in einer erdgeschichtlich sehr kurzen Zeitspanne von ein paar tausend Jahren. In der Zeit n\u00e4mlich, als unsere Vorfahren oder deren Verwandte, die Neandertaler, die gro\u00dfen Pflanzenfresser ausgerottet hatten, bis dann Homo sapiens aus dem Nahen Osten mit den dort domestizierten Rindern und dem neuen Wissen \u00fcber die Landwirtschaft einwanderte. Und jetzt gibt es ihn wieder, seit wir vor zweihundert Jahren damit begonnen haben, die Weidetiere der Bauern aus dem Wald zu vertreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die W\u00e4lder, die dadurch entstanden sind, haben mit der urspr\u00fcnglichen Natur Mitteleuropas nichts gemein. So viel steht f\u00fcr Jan Haft fest.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Naturschutz oder Landwirtschaft<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade dreht er, zusammen mit seiner Frau Melanie Haft, einen neuen Kinofilm \u00fcber das Grasland. Das w\u00fcrde er gerne sch\u00fctzen, und zwar weltweit. Raus mit den Tieren aus den St\u00e4llen, sagt er: \u00bbRaus in die Landschaft, wo jede einzelne Kuh, die drau\u00dfen weidet, eine positive Klima-Gesamtbilanz hat. Dann w\u00e4re wirklich dem Planeten substanziell geholfen. Wesentlich mehr, als wenn wir Natursch\u00fctzer hier und da und dort uns knatternde M\u00e4hwerke kaufen, die mit Diesel bef\u00fcllen und zwei Mal im Jahr \u00fcber die Wiesen rattern.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWir Natursch\u00fctzer\u00ab hat Jan Haft gesagt. Man h\u00f6rt, dass er sich noch zugeh\u00f6rig f\u00fchlt &#8211; und man kann nachlesen, dass er sich sehr weit von der typischen Naturschutzidee entfernt hat, die letztlich einen bestimmten Zustand erhalten will und daf\u00fcr st\u00e4ndig eingreift in eben die Natur, die sich alleine so gar nicht erhalten m\u00f6chte, wie sich die Natursch\u00fctzer das vorstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp; Wie kam das, habe ich ihn gefragt, dass der gelernte Natursch\u00fctzer Jan Haft heute so ganz anders \u00fcber die Natur denkt, als viele seiner Kollegen?<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich sei er als Natursch\u00fctzer aufgewachsen, sagt er. \u00bbIch war als Kind schon in allen Vereinen t\u00e4tig und Mitglied der bekannten Naturschutzvereine. Ich bin auf die Mitgliederversammlungen gegangen, zum Teil im Konfirmationsanzug und habe mitprotokolliert, was die schlauen Leute vorne sagen\u00ab Seinen Zivildienst hat er beim Landesbund f\u00fcr Vogelschutz abgeleistet. Zwanzig Monate waren das damals. Er m\u00f6chte diese Zeit nicht missen, aber es kamen ihm schon damals erste Zweifel an seinem Tun. \u00bbIch habe da diese Naturschutzhybris gelebt: Einerseits davon rede, dass die Natur unber\u00fchrt sein soll und sich ohne Menschen am besten entwickelt. Aber unser t\u00e4gliches Brot als Natursch\u00fctzer war doch das Ackern und Pflanzen und Schneiden und M\u00e4hen und Abfl\u00e4mmen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Es hat lange gedauert, bis er diesen Widerspruch aufl\u00f6sen konnte, \u00bbdenn von dem, was man zwanzig Jahre lang lernt und tut, trennt man sich nun mal nur schwer.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann das auch an seinen Ver\u00f6ffentlichungen sehen und in seinen B\u00fcchern nachlesen. Da gab es 2019 noch den Film \u00bbDie Wiese\u00ab, der mit dem Horst-Stern-Preis f\u00fcr den besten Naturfilm ausgezeichnet wurde, und das Buch dazu war Spiegel-Bestseller. Danach traf er Menschen wie die Weidespezialisten <a href=\"https:\/\/www.abu-naturschutz.de\/ueber-uns\/das-team\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Margret Bunzel-Dr\u00fcke<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.yasni.de\/edgar+reisinger\/person+information\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Edgar Reisinger<\/a> und den Insektenforscher <a href=\"https:\/\/herbertnickel.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Herbert Nickel<\/a>. \u00bbInnerhalb weniger Gespr\u00e4che war mir dann klar, dass ich im Wiesenbuch und im Wiesenfilm nur die halbe, die Naturschutzwahrheit erz\u00e4hlt und durchdacht habe.\u00ab Am Ende wird die wunderbare Sommerwiese dann n\u00e4mlich vom Naturschutz gem\u00e4ht. Und das sei, egal wie extensiv man es betreibt, immer Landwirtschaft und niemals zu Ende gedachter Naturschutz.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"481\" src=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/BundeWischen-GallowayKuh-1024x481.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1903\" srcset=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/BundeWischen-GallowayKuh-1024x481.jpg 1024w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/BundeWischen-GallowayKuh-300x141.jpg 300w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/BundeWischen-GallowayKuh-768x361.jpg 768w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/BundeWischen-GallowayKuh-1536x722.jpg 1536w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/BundeWischen-GallowayKuh-2048x962.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Ist das Naturschutz oder Landwirtschaft? Beides: Stiftungsland Sch\u00e4ferhaus bei Flensburg. Ein ehemaliger Truppen\u00fcbungsplatz, der seit 25 Jahren ganzj\u00e4hrig von Galloways beweidet wird &#8211; ein Hotspot der Biodiversit\u00e4t und des Klimaschutzes. | Foto: Florian Schwinn<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Oder Naturschutz und Landwirtschaft<\/p>\n\n\n\n<p>So kam es, dass der Naturfilmer Jan Haft dann auch in einer Landschaft gedreht hat, die es nur gibt, weil der Naturschutz hier zu Ende gedacht wurde \u2013 und das \u00fcbrigens durchaus landwirtschaftlich: <a href=\"https:\/\/www.stiftungsland.de\/fileadmin\/user_upload\/Stiftungsland_Schaeferhaus.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Stiftungsland Sch\u00e4ferhaus<\/a>, ein ehemaliger Truppen\u00fcbungsplatz bei Flensburg, der seit \u00fcber 25 Jahren zur Ganzjahresweide geworden ist. Hier lebt eine Herde der robusten Galloway-Rinder und einige Koniks, die von den Wanderern immer gerne Wildpferde genannt werden. Die aus Polen stammenden Koniks sind aber urspr\u00fcnglich Arbeitsponys. Konik hei\u00dft auf Deutsch schlicht Pferdchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich zum ersten Mal eine kleine Herde Koniks in einer Weidelandschaft getroffen habe, war mir sofort klar, dass diese Pferdchen alles andere als wild sind. Im Gegenteil, sie sind auf Menschen geradezu fixiert. Sie kommen und wollen gestreichelt werden, oder auch nur nachschauen, ob etwas Essbares im Rucksack steckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Rinder und Pferde halten die Landschaft offen und bauen sie um zu einer \u00bbnordischen Savanne\u00ab. So bewirbt die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein das Gebiet inzwischen, das seit \u00fcber einem Vierteljahrhundert von <a href=\"https:\/\/www.bundewischen.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Bunde Wischen<\/a> bewirtschaftet wird. Ja, bewirtschaftet, denn die Galloways sind eben der landwirtschaftliche Teil des Naturschutzes und Bunde Wischen \u2014 hochdeutsch Bunte Wiesen \u2014 ist eine landwirtschaftliche Genossenschaft, die auch von der Verarbeitung und dem Verkauf des Fleischs lebt. Bei der Verarbeitung \u00fcbrigens nach dem Prinzip \u00bbFrom Nose to Tail\u00ab &#8211; also des ganzen Tieres.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Landschaft habe ich schon in dem <a href=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/besuch-im-psychotop\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Blog<\/a> und dem <a href=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/ffe11-besuch-im-psychotop\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Podcast<\/a> \u00bbBesuch im Psychotop\u00ab vorgestellt, und den Betrieb und seine Arbeit dann in <a href=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/landwirtschaft-als-naturschutz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Blog<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/ffe13-landwirtschaft-als-naturschutz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Podcast<\/a> \u00bbLandwirtschaft als Naturschutz\u00ab; das dann inklusive Weideschuss. Denn Betriebsleiter und Genossenschaftsvorstand Gerd K\u00e4mmer, studierter Biologe wie Jan Haft, hat seinen Tieren das Versprechen gegeben, dass sie niemals in einem Tiertransporter enden und keinen Schlachthof sehen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt habe ich ihn gefragt, was eigentlich aus dem Wald geworden ist, den einstmals die Bundeswehr auf dem Truppen\u00fcbungsplatz zu Ausbildungszwecken f\u00fcr die Soldaten gepflanzt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJa\u00ab, sagt Gerd K\u00e4mmer, \u00bbder steht spannenderweise immer noch da. Die F\u00f6rster sind immer v\u00f6llig irritiert, dass es den noch gibt, denn in deren Theorie machen die Rinder ja alles kaputt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb musste Bunde Wischen damals, als die Genossenschaft den Truppen\u00fcbungsplatz zum Weideprojekt machte, auch zum Ausgleich anderswo einen neuen kleinen Wald auf einen Acker pflanzen. Als Ausgleichsma\u00dfnahme, denn Beweidung sch\u00e4digt ja angeblich den Wald, weshalb die Waldweide in Deutschland auch nur mit Ausnahmegenehmigung machbar ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was ist nun geworden aus dem \u00dcbungswald der Bundeswehr? \u00bbDer ist nat\u00fcrlich artenreicher geworden\u00ab, sagt Gerd K\u00e4mmer, der von hause aus auch Biologe ist, wie Jan Haft. Die Weidetiere sorgen f\u00fcr offene Stellen im Wald, auch indem sie den Nachwuchs der B\u00e4ume fressen. Wenn dann ein Baum f\u00e4llt, oder viele der Bundeswehr-Fichten gef\u00e4llt werden, wie 2013 vom Orkan Christian, dann ist Platz f\u00fcr andere Pflanzen und viele Insekten, Amphibien, Kleins\u00e4uger. Die Biodiversit\u00e4t folgt den Weidetieren in den Wald.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"477\" src=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/BundeWischen-GerdKaemmer-1024x477.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1904\" srcset=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/BundeWischen-GerdKaemmer-1024x477.jpg 1024w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/BundeWischen-GerdKaemmer-300x140.jpg 300w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/BundeWischen-GerdKaemmer-768x358.jpg 768w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/BundeWischen-GerdKaemmer-1536x715.jpg 1536w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/BundeWischen-GerdKaemmer-2048x953.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Bunde-Wischen-Vorstand Gerd K\u00e4mmer erkl\u00e4rt Wanderern in der Weidelandschaft die Pflanzenvielfalt, und beantwortet immer auch Fragen nach den Tieren, die f\u00fcr diese Vielfalt sorgen. | Foto: Florian Schwinn<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Wandernde W\u00e4lder<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt auch W\u00e4lder, die von sich aus artenreich sind, Eichenw\u00e4lder zum Beispiel. Auch davon hat Bunde Wischen einige in seinen inzwischen fast 1500 Hektar beweideten Naturschutzgebieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Womit wir bei der sprichw\u00f6rtlichen deutschen Eiche w\u00e4ren. Die ist einer jener von Jan Haft erw\u00e4hnten heimischen Baumarten, die in einem dichten Wald gar nicht leben k\u00f6nnen. Die Eiche braucht Licht und sie w\u00e4chst sehr langsam. Den Wettlauf zum Licht verliert sie gegen die Buche allemal, weshalb es Mischwald aus Eiche und Buche nicht gibt. Wie konnte die Eiche denn dann zu dem Baum der Deutschen werden, wenn sie in den behaupteten fl\u00e4chendeckenden Hochw\u00e4ldern nicht \u00fcberleben kann?<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJa, das fragt man sich\u00ab, sagt Gerd K\u00e4mmer. \u00bb Gibt es nat\u00fcrlicherweise \u00fcberhaupt Eichenw\u00e4lder hier bei uns in Mitteleuropa?\u00ab Wie konnte die Eiche zum Baum der Deutschen werden? Die Antwort ist einfach: Daf\u00fcr sorgen die Weidetiere, die die Buchen kurzhalten und einige Verb\u00fcndete der Eiche.<\/p>\n\n\n\n<p>Jan Haft beschreibt das in seinem Waldbuch und anschauen kann man sich das auch in den halboffenen Weidelandschaften, die es inzwischen in Deutschland wieder gibt. Junge Eichen wachsen aus dem dornigen Gestr\u00fcpp, das Schlehe oder Wei\u00dfdorn bilden. Diese Pflanzen reagieren auf den Verbiss durch die Weidetiere umgehend mit dem Austrieb von mehr und kr\u00e4ftigeren Dornen. So k\u00f6nnen sie sich behaupten und damit auch den Aufwuchs anderer Pflanzen sch\u00fctzen. F\u00fcr den sorgt ein flei\u00dfiger Helfer der Eichen, der Eichelh\u00e4her. Er legt seinen Nahrungsvorrat gezielt am Fu\u00df der Dornb\u00fcsche an, weil er die Eicheln dort sicher wei\u00df vor gefr\u00e4\u00dfigen Wildschweinen. Und nat\u00fcrlich findet er nicht alle gehorteten Eicheln wieder. So kann dann aus den Dornen eine junge Eiche wachsen, die, wenn sie gro\u00df genug ist, die Dornb\u00fcsche beschattet und zum Absterben bringt.<\/p>\n\n\n\n<p>So kann ein regelrechter Eichenwald entstehen. Ein Wald, der niemals ein geschlossenes Kronendach bildet und deshalb vielen anderen Pflanzen und besonders vielen Tieren Lebensraum bietet. In einer ausgedehnten Weidelandschaft sind aber auch die lichten Eichenw\u00e4lder nicht etwa ein Endprodukt der Natur. Auch sie vergehen wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur wir Menschen k\u00f6nnten das nicht recht \u00fcberblicken, sagt Gerd K\u00e4mmer, weil unsere Lebensspanne so viel k\u00fcrzer ist, als die einer Eiche. Aber auch die der Eiche geht eben nach f\u00fcnfhundert Jahren oder mehr einmal zu Ende. Wenn dann der Eichenwald zusammenbricht, sind aber vielleicht an anderer Stelle schon junge Eichen nachgewachsen. \u00bbDer Wald bleibt also nicht an einer Stelle, sondern er wandert durch die Weidelandschaft.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"562\" src=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Oranienbaumer-Heide-Sukzession-20230830.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3094\" srcset=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Oranienbaumer-Heide-Sukzession-20230830.jpg 1000w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Oranienbaumer-Heide-Sukzession-20230830-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Oranienbaumer-Heide-Sukzession-20230830-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Nat\u00fcrliche Sukzession: So kommen B\u00e4ume in die beweidete Savanne &#8211; in Afrika genauso wie hier in der Oranienbaumer Heide bei Dessau. Dornengestr\u00fcpp sch\u00fctzt das aufwachsende B\u00e4umchen vor Verbiss. Ob die Dornen Akazie hei\u00dfen oder Wei\u00dfdorn, ist der Natur egal. | Foto: Florian Schwinn<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Neuer Urwald?<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcnf Prozent der W\u00e4lder Deutschlands sollten aus der Nutzung genommen werden. Bis 2020, beschlossen von der Bundesregierung 2007 im Rahmen der Strategie zur biologischen Vielfalt. Naturwaldstrategie wird das auch genannt, immer der Ideologie folgend, dass man nur Natur Natur sein lassen m\u00fcsse, damit alles wieder gut wird. Gl\u00fccklicherweise ist das F\u00fcnf-Prozent-Ziel deutlich verfehlt worden.2020 waren es nur knapp drei Prozent der deutschen W\u00e4lder, die nicht mehr genutzt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem Buch \u00bbUnsere W\u00e4lder\u00ab stellt uns Jan Haft einen \u00e4u\u00dferst artenreichen Wald vor, der voll in der Nutzung ist. Als krassesten Gegenentwurf zum artenarmen Urwald-Nationalpark stellt er uns einen sogenannten Mittelwald in Franken vor. Dort, im Stadtwald von Bad Windsheim, wird geholzt was das Zeug h\u00e4lt. Der Mittelwald ist eine sehr alte Form der Bewirtschaftung, bei der Kahlschlag und junges Dickicht nebeneinanderstehen, bei der aber auch alte Eichen stehen bleiben und abges\u00e4gte Baumkronen f\u00fcr die K\u00e4fer und Pilze liegen bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser intensiv genutzte Wald ist einer der artenreichsten Deutschlands. Hier ersetzen Axt und S\u00e4ge die fehlenden gro\u00dfen Weidetiere. Der Wald l\u00e4sst immer Licht zum Boden durch. Das f\u00f6rdert die Bl\u00fchpflanzen, die Insektenweiden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbUrwald w\u00e4re gut\u00ab sagt Jan Haft, \u00bbUrwald ist was Feines, wenn der Urwald echter Urwald ist.\u00ab Nur werden aus unseren W\u00e4ldern keine Urw\u00e4lder, wenn wir sie aus der Nutzung nehmen und sich selbst \u00fcberlassen. \u00bbDas sind Fl\u00e4chen, auf denen die Biodiversit\u00e4t abnimmt. Die Artenvielfalt geht auf Talfahrt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Natursch\u00fctzer, jene, zu denen Jan Haft und Gerd K\u00e4mmer nicht geh\u00f6ren, oder nicht mehr, nennen das Verfahren Prozessschutz. Die nat\u00fcrlichen Prozesse sollen wieder greifen. Das funktioniert aber nicht, wenn ein Teil der nat\u00fcrlichen Prozesse gar nicht mehr greifen kann, weil seine Protagonisten nicht mehr da sind. Man m\u00fcsse dann eben entweder den fehlenden Prozess ersetzen, sagt Jan Haft, \u00bboder man muss damit leben, dass die Artenvielfalt in einer sich selbst \u00fcberlassenen sogenannten Urwaldfl\u00e4che stark abnimmt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Weil die gro\u00dfen Weidetiere fehlen, die zu unserer nat\u00fcrlichen Landschaft immer geh\u00f6rt haben, bis unsere Vorfahren sie ausrotteten. Danach geh\u00f6rten sie auch noch dazu, weil unsere etwas sp\u00e4teren Vorfahren sie durch ihre Nutztiere ersetzten. Erst im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Weidetiere dann aus den W\u00e4ldern verbannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das, sagt Jan Haft, sollten wir unbedingt r\u00fcckg\u00e4ngig machen. Und weil er nicht daf\u00fcr pl\u00e4diert das via Verordnung durchzusetzen, m\u00f6chte er erst einmal damit beginnen, die Natursch\u00fctzer von der Waldweide zu \u00fcberzeugen. \u00bbWir k\u00f6nnten unsere Naturschutzgebiete und Nationalparks, die zusammen vier Prozent der Landesfl\u00e4che ausmachen, zumindest teilweise beweiden.\u00ab Statt in den sogenannten Kernzonen gar nichts mehr zu machen, lieber ein paar Weidefl\u00e4chen aufmachen, die die Biodiversit\u00e4t zur\u00fcckholen. Auf dass es auch in unseren Wald-Nationalparken wieder so lebendig werde wie im fr\u00e4nkischen Mittelwald.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem pl\u00e4diert Jan Haft daf\u00fcr, dass auch die vielen kleineren Naturschutzgebiete und sogenannten Ausgleichsfl\u00e4chen, die derzeit mit aufwendigen M\u00e4hma\u00dfnahmen und manuellem Beschnitt offengehalten werden, wieder beweidet werden. Dazu k\u00f6nnten sich die Kommunen doch neben ihrem Bauhof auch einen landwirtschaftlichen Hof halten, als Basis f\u00fcr einen Hirten, der mit seinen Tieren die Naturschutzfl\u00e4chen beweidet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"651\" src=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Dueberitzer-Heide-JanHaft-1024x651.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3088\" srcset=\"https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Dueberitzer-Heide-JanHaft-1024x651.jpg 1024w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Dueberitzer-Heide-JanHaft-300x191.jpg 300w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Dueberitzer-Heide-JanHaft-768x489.jpg 768w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Dueberitzer-Heide-JanHaft-1536x977.jpg 1536w, https:\/\/www.florianschwinn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Dueberitzer-Heide-JanHaft-2048x1303.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Auch sie weiden neben Wisenten und Hirschen in der D\u00f6beritzer Heide bei Berlin: Przewalski-Pferde, die letzten Wildpferde der Erde. Sie stammen aus der Mongolei und sollen hier urspr\u00fcngliche Natur durch Beweidung wieder herstellen. | Foto: Jan Haft<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Mit F\u00f6rdermitteln steuern<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Fl\u00e4chen in Deutschland sind aber nicht in der Hand des Naturschutzes, die meisten Fl\u00e4chen sind landwirtschaftlich genutzt. Die meisten B\u00e4uerinnen und Bauern muss man auch nicht erst aufwendig davon \u00fcberzeugen, dass Weidetiere etwas Positives sind. Die Tiere stehen zumeist im Stall, weil da mit Maschinen gearbeitet werden kann, weil Weidegang eben mehr Arbeit ist. Diese Mehrarbeit m\u00fcsste halt bezahlt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWir sollten die scharfen Grenzen zwischen Landwirtschaft und Naturschutz einfach aufl\u00f6sen,\u00ab sagt Jan Haft. Der Natur sei es schlie\u00dflich egal, ob die Weidetiere im Dienst der Landwirtschaft oder des Naturschutzes die Landschaft pflegen. \u00bbDie positiven Effekte einer extensiven Weide, idealerweise einer Ganzjahresweide, habe ich ja gleicherma\u00dfen auf einer Naturschutzfl\u00e4che wie auf einer Landwirtschaftsfl\u00e4che, wo ich halt Biofleisch oder Weidefleisch herstelle, das seine eigene Qualit\u00e4t hat.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Wobei auch der Naturschutz am Ende schie\u00dfen muss, oder \u00bbTiere entnehmen\u00ab, wie es dann gerne euphemistisch hei\u00dft. Selbst in der D\u00f6beritzer Heide bei Berlin, einem der positiven Beispiele in Jan Hafts Buch, wird es irgendwann zu viele Wisente geben f\u00fcr das 3600 Hektar gro\u00dfe Gebiet, das die Heinz-Sielmann-Stiftung betreibt. Dann werden wir wohl Wisent-Steaks essen m\u00fcssen, oder d\u00fcrfen. Denn verhungern sollen diese Tiere, die wir Menschen in Obhut genommen haben, ja wohl nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Bunde Wischen, wo fast 1500 Hektar Naturschutzgebiete beweidet werden, wird jede Woche auf der weide geschossen. Rund zweihundert K\u00e4lber Nachwuchs zeugen die gut tausend Rinder im Jahr. F\u00fcr die m\u00fcssen \u00e4ltere Tiere geschossen werden, und gegessen dann nat\u00fcrlich auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf neunzig Milliarden \u00f6kologische Folgekosten, also Umwelt-, Reparatur und gesellschaftliche Kosten, hat die Zukunftskommission Landwirtschaft die j\u00e4hrliche Last der Landwirtschaft f\u00fcr Deutschland beziffert. Wenn wir davon auch nur einen Bruchteil in die Hand nehmen w\u00fcrden, um Weidelandschaft zu f\u00f6rdern, w\u00e4re viel geholfen. Jan Haft sieht eine gleich mehrfache Win-Situation in extensiver Weide. Zum Beispiel: H\u00f6chstes Tierwohl und maximal gesunder Nachwuchs.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist noch nicht ganz zu Ende beforscht, aber es scheinen sich die Beobachtungen zu erh\u00e4rten, dass die Weidetiere zumindest auf Ganzjahresweiden mit einer vielf\u00e4ltigen Pflanzengemeinschaft selbst f\u00fcr ihre Wurmkuren sorgen. Pferde fressen im zeitigen Fr\u00fchjahr die giftigen Triebe der Herbstzeitlose, Rinder offenbar giftige Wolfsmilchgew\u00e4chse. Selbstmedikation &#8211; das spart den Tierarzt und sch\u00fctzt die Insekten, die nach veterin\u00e4rmedizinischen Wurmbehandlungen ansonsten im vergifteten Kuhfladen umkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAlso, ich habe einen Kostenvorteil bei den Tierwohlkosten\u00ab, f\u00fchrt Jan Haft auf: \u00bbIch habe ein sehr gutes Lebensmittel, das dort entsteht. Nat\u00fcrlich, bei so einer artenreichen Kost. Ich habe eine \u00e4sthetische Landschaft.\u00ab Ja, diese nordische Savanne finden die meisten Menschen sch\u00f6n, die Weidegebiete ziehen Wanderer magisch an.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann folgt der Klimaschutz. \u00bbNat\u00fcrlich speichern heranwachsende B\u00e4ume sehr viel Kohlenstoff, aber wenn die B\u00e4ume gro\u00df sind, passiert oberirdisch nicht mehr viel.\u00ab Au\u00dferdem, das wissen wir aus der j\u00fcngsten Bundeswaldinventur, geht es dem deutschen Wald im Klimawandel so schlecht, dass er zur Kohlenstoffquelle geworden ist: er emittiert mehr CO<sub>2<\/sub>, als er aufnimmt. \u00bbDer einzige Kohlenstoff, der dauerhaft abgespeichert wird in einem Lebensraum, ist im Boden\u00ab, sagt Jan Haft. Humus besteht zu sechzig Prozent aus Kohlenstoff, den die Pflanzen zuvor aus der Luft genommen haben. Und: \u00bbBei der Humusbildnerei sind beweidete Landschaften nach dem Moor die absoluten Champions und dem Wald \u00fcberlegen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Wissen und Tun<\/p>\n\n\n\n<p>Das sind sch\u00f6ne Ideen, die Jan Haft da ausbreitet. Und wahrscheinlich hat er recht, wenn er sagt, dass die Gesellschaft das mehrheitlich begr\u00fc\u00dfen w\u00fcrde. Ja, die Tiere sollen raus aus den St\u00e4llen, ja, die Landschaften, die sie gestalten, wenn man sie l\u00e4sst, sind sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nein, die Politik macht da nicht mit. Sie handelt ganz bewusst wider besseres Wissen. Gerade haben die Agrarminister der L\u00e4nder die Bundesregierung gebeten, den Beschluss des Bundestages vom vergangenen Jahr, eine Weidepr\u00e4mie f\u00fcr Milchk\u00fche als \u00d6koregelung festzulegen, wieder aus dem Gesetz streichen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht einmal die Milchk\u00fche sollen wieder raus auf die Weiden. Wie weit entfernt scheint da die Waldweide?<\/p>\n\n\n\n<p>Gerd K\u00e4mmer bringt es auf den Punkt: \u00bbDie Erkenntnis ist da, man will sie aber nicht wissen. So scheint mir das zu sein.\u00ab Die Weideprojekte funktionieren \u2013 auch als Landwirtschaft. Das ist nun schon jahrzehntelang bewiesen. Dennoch bleiben sie eben Projekte und damit die Ausnahme.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch das Fleisch der robusten Weiderinder bleibt die Ausnahme und all die in Gl\u00e4sern eingemachten Saucen und Suppen und Frikassees. Die von Bunde Wischen gibt es \u00fcbrigens auch nicht via Internet, sondern nur in der Region. Nachschauen lohnt sich da nicht, Bunde Wischen liefert nur an die L\u00e4den der Region und verschickt nichts bundesweit, weil das den positiven Klimafu\u00dfabdruck der Rinder und des ganzen Betriebs schm\u00e4lern w\u00fcrde. Wer also so etwas probieren will und nicht in Schleswig-Holstein lebt, muss sich den Weidehalter vor Ort suchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Jan Hafts Buch \u00fcber die m\u00f6gliche Zukunft unserer W\u00e4lder so viele Leser findet, wie sein Bestseller \u00fcber die die Wiese, dann werden vielleicht auch die Weideprojekte zahlreicher, die solche Lebensmittel herstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was erlebt man eigentlich, wenn man in einen unserer Wald-Nationalparke wandert, wenn man dem werbenden Rufen des hessischen Kellerwalds folgt und \u00bbAbtauchen\u00ab will \u00bbins Buchenmeer\u00ab? Wenn man also eine Wanderung macht, hinein in die hallenhohen Buchenbest\u00e4nde? Zu sehen gibt es da m\u00e4chtige St\u00e4mme und im Fr\u00fchjahr auch viele Bl\u00fcten am Boden. 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