Die Henne und das Osterei

So soll das aussehen, wo unsere Ostereier herkommen. So sieht das aber nur in einer winzigen privaten Hühnerhaltung aus, die wenig effektiv ist beim Eierlegen: Ein Vorwerkhahn und Hennen der alten Rasse. Die meisten Eier legen die beiden kleinen Hennen außen: industrielle Lohmann Brown Hybriden. | Alle Fotos (fast): Florian Schwinn

Alle Jahre wieder feiern wir ein Fest der Eier oder wenigstens eines mit Eiern. Schon Wochen vorher bieten die Supermärkte bunt gefärbte gekochte Eier an. Schön in Plastikblister verpackt, damit man die Farben auch sehen kann. Je näher Ostern rückt, desto mehr Eier werden angeboten, auch frische in hoch gestapelten Kartons, daneben die Eierfarben zum Selberfärben.

Man könnte sich fragen, woher all diese Eier auf einmal kommen, in einer Jahreszeit, in der die Hühner natürlicherweise gerade erst wieder mit dem Eierlegen anfangen. Auch Hühnervögel legen im Winter eigentlich keine Eier, wie alle anderen Vögel auch. Man könnte sich also fragen, wie wohl all diese Hühner gehalten werden, damit sie es eben doch tun und an Ostern genügend Eier da sind. Wie geht es den Hühnern eigentlich damit – und wie den hühnerhaltenden Menschen, zumal denen, die sich ums vielbemühte Tierwohl kümmern, obwohl das den meisten Eierkäuferinnen und Eierkäufern herzlich egal zu sein scheint in diesen Zeiten.

Die Farbe und das Ei

»Die Henne und das Osterei« habe ich diese Kolumne und den zugehörigen Podcast genannt. Wobei die berühmte Frage, wer zuerst da war – die Henne oder das Ei – in diesem Fall geklärt ist: die Henne ist‘s, ohne sie kein Osterei.

Die Versorgung mit Ostereiern war früher übrigens eine durchaus unsichere Sache war. Wenn das durch den Kalender wandernde Osterfest früh im Jahr oder der Winter lang war, dann konnten die Ostereier durchaus mal ausbleiben, weil die Hühner noch nicht legten.

»So versuche ich das auch immer den Kunden zu erklären, wenn sie in der Zeit, wo sie die meisten Eier brauchen, mal einen Lieferengpass von uns erleben, also zu Weihnachten oder Ostern,« sagt der Demeter-Geflügelhalter Carsten Bauck vom Bauckhof in Klein-Süstedt bei Uelzen. Die Hühner seien ja nicht blöd, sagt er, weshalb sie im Winter eben keine Eier legen.

Das hochwertige und begehrte Lebensmittel Ei gab es deshalb früher erst, wenn die Sonne wieder höher stand und die Küken hätten draußen laufen und Futter finden können. Also gab es die ersten Eier rund um Ostern. »Und dann haben die Eltern die eingesammelt und bunt bemalt für die Kinder.«

Wobei es da viele Geschichten gibt rund ums Osterei und seinen Weg ins Osternest. Die ursprünglichste ist vielleicht die vom Ei als Symbol des Lebens. Die ersten Eier des Jahres wurden dem Priester gebracht, der sie rot einfärbte. Damit wurden die Eier doppelt aufgeladen: als Blut Christi und als Lebenssymbol der Auferstehung. So kamen sie an Ostern wieder zurück in die Gemeinde.

Dann gab es da noch das »Zins-Ei«. Während der großen Fastenzeit von Aschermittwoch bis Ostern durften gläubige Christen keine Eier essen. Also sparten die Bauern die ersten Eier des Jahres auf, färbten sie ein, um sie von den später gelegten zu unterscheiden, und übergaben sie am Ende der Fastenzeit dem Lehnsherrn als Tribut.

Mindesthaltbarkeitsdatum einen Monat vor Ostern: Das Fest beginnt früh beim Discounter – mit gekochten Eiern aus Bodenhaltung. Für diese Hennen gibt es kein Draußen.

Wie das farbige Ei letztlich ins Osternest der Kinder gefunden hat, ist keine wirklich endgültig geklärte Kulturgeschichte. Jedenfalls war das Ei damals ein wertvolles Lebensmittel und ein hochwertiges Geschenk. »Man stelle sich vor, die Kinder bekamen kein iPad ins Osternest gelegt, sondern schlicht ein Ei«, sagt Carsten Bauck.

Entkoppelte Jahreszeiten

Die Zeiten, in denen wir Menschen uns den Jahreszeiten oder gar dem Biorhythmus anderer Lebewesen unterwarfen, sind lange vorbei. Unsere Nutztiere haben wir längst so angepasst, dass sie nach unseren Zeitvorgaben funktionieren. Das gilt ganz besonders für das am meisten industrialisierte Tier – das Huhn, und da vor allem für die Legehenne.

In alten Kochbüchern kann man leicht feststellen, dass das Weihnachtsgebäck ganz ohne Ei auskam. Es gab eben damals keine Eier an Weihnachten. Heute ist die kalte Jahreszeit, in der Vögel eigentlich keine Eier legen, die Hauptabsatzzeit für Eier.

»Im Sommer, wenn die Hühner von sich aus gut legen, brauchen wir nur wenige Eier«, sagt Carsten Bauck, »dann ist die deutsche Kundschaft auf Mallorca oder sonst wo in der Welt unterwegs.« Das Interesse des Huhns am Eierlegen und das der Kundschaft am Eierkauf sei jahreszeitlich diametral entgegengesetzt.

Deshalb werden die Legehennen betrogen. Ihre Ställe werden gut isoliert, sodass die Körperwärme der Tiere nicht verloren geht. Und in den Ställen bestimmen Lichtprogramme, die Sonne und Mondlicht simulieren, den Tagesablauf der Tiere. »Wir geben ihnen so viel Licht und Wärme, dass sie verstehen: sie können weiter legen.«

Die großen Mobilställe des Bauckhofs haben Kuppeldächer, unter denen sich die Wärme hält. Und die Hühner können über Stege und Stangen nach oben in die Wärme klettern. Unten gibt es an den Längsseiten sogenannte Wintergärten, in denen sie auch dann noch scharren und sich sandbaden können, wenn es draußen friert und schneit.

Licht und Wärme und mehrere Hühnerstockwerke – fürs Eierlegen auch im Winter: Legehennen unter dem gewölbten Dach eines Mobilstalls auf dem Bauckhof.

Schau mal! Hör mal!

»Seien wir ehrlich: Hühner werden vor allem als Nahrungsquelle geschätzt. Die meisten Menschen betrachten sie eher als Rohstoff und nicht als Individuen mit einzigartigen Persönlichkeiten. Deswegen konzentrierte sich die Geflügelforschung bisher auf technische Möglichkeiten, mehr Eier zu produzieren und die Qualität und Größe von Fleischhühnern zu verbessern. Doch in den letzten Jahren gab es eine interessante Entwicklung: Landwirtschaftsbetriebe haben erkannt, dass Hühner, die in ruhiger Umgebung mit ausreichend Platz gehalten werden, mehr Eier legen und weniger aggressive Verhaltensweisen zeigen, als unter überfüllten, stressreichen Haltungsbedingungen.«

So beschreibt die US-amerikanische Autorin und Bloggerin Melissa Caughey die Entwicklung der Geflügelzucht in ihrem Buch »How to Read a Chicken’s Mind«, dessen deutsche Übersetzung uns in diesem Blog ein wenig begleiten wird – erschienen unter dem englischen Originaltitel im Haupt-Verlag. Melissa Caughey geht es darum, uns das am meisten industrialisierte Nutztier als empathisches, neugieriges und kluges Wesen näher zu bringen.

Wer einmal mit Carsten Bauck in einen seiner Mobilställe gegangen ist, in denen bis zu 1800 Legehennen und »ihre« Hähne leben, kann nachvollziehen, was Melissa Caughey über die kommunikationsfreudigen Tiere schreibt:

»Hühner kommunizieren pausenlos. Sie übermitteln Informationen über ihre Umgebung, plaudern über das Leben in der Schar und nutzen ihre Sprache, um Beziehungen untereinander herzustellen. Die Hühnersprache stützt sich wie die Menschensprache stark auf Tonfall und verschiedene Tonhöhen. Niemand möchte monotones Gerede hören, nicht einmal ein Huhn! Wenn wir uns unterhalten, heben und senken wir die Stimme. Man hört allein schon am Tonfall, ob jemand glücklich, aufgebracht, traurig oder aufgeregt ist. Dasselbe gilt für die Musik, wo aufsteigende Noten an anschwellende Emotionen denken lassen und absteigende Noten traurig oder beruhigend wirken.

Auch die Lautstärke spielt eine Rolle. Wie wir flüstern Hühner manchmal und kreischen an anderen Stellen so laut, dass man sich kaum vorstellen kann, wie ein so kräftiger Laut aus einem so kleinen Tier kommen kann. Leise, gemächliche Laute zeigen Zufriedenheit und Entspannung an. Lautes, schrilles Kreischen bedeutet Angst und Schmerz oder soll die Aufmerksamkeit der restlichen Schar wecken. Normale Hühnersprache klingt wie ruhiges Geplauder in Gesprächslautstärke, so wie du und ich uns unterhalten würden.«

Beim Eintreten in den Mobilstall sind wir kurz stehengeblieben, und dann hat Carsten Bauck nicht ohne Stolz gesagt: »Sind das nicht schöne Tiere?« Ja, das sind schöne Tiere! Mit geschlossenem, glänzendem Federkleid, nicht ängstlich, sondern neugierig kommen sie auf uns zu. Die Hähne krähen, wie man das von ihnen erwartet, und die Hennen »singen«. So nennt das Carsten Bauck, wenn die Hühner langgezogene eher leise Laute produzieren, unterbrochen ab und zu von einem aufgeregteren Gackern oder vom unvermeidlichen Krähen der Hähne. Auf je vierzig Hennen kommt hier ein Hahn. »Hähne sind wichtig!« sagt Carsten Bauck. Ohne sie gibt es ständig irgendwo Streit in der Hühnerschar, sie ordnen den Hennen den Tag, melden, wenn sie draußen Futter gefunden haben, einen Leckerbissen, vielleicht eine Schnecke, einen Regenwurm. Und sie warnen vor Gefahren am Boden und aus der Luft. Wo es freilaufende Hühner gibt, da gibt es auch Füchse, Marder, Sperber und Habichte.

Industriehuhn versus Ökohuhn

Ja, das sind schöne, vitale Tiere in den Mobilställen und Freilaufanlagen des Bauckhofs. Auch wenn die Großeltern der meisten dieser Tiere Hybridhühner aus industrieller Zucht sind. Sie sind einheitlich braun und heißen dann auch entsprechend: Lohmann Brown, wenn sie ursprünglich von Lohmann aus Cuxhaven stammen, ISA Brown, wenn sie ursprünglich aus Frankreich kommen. In beiden Fällen stammen sie vom Weltmarktführer der Geflügelzucht, vom deutschen Konzern EW Group, benannt nach dem Gründer Erich Wesjohann, der wiederum beim Tierzuchtbetrieb Lohmann groß geworden ist.

»Sind das nicht schöne Tiere?« hat Carsten Bauck gefragt. Ja, das sind schöne Tiere. Ganz anders als die auf den Fotos von den Legebatterien, die wir so kennen. Makellos glänzendes Federkleid, aufmerksam, nicht verschreckt – aber ein Hybridhuhn aus industrieller Zucht.

Erst die Elterngenerationen dieser Hühner sind ökologisch gehalten und gefüttert worden. Womit wir dann beim Eingemachten wären, bei der industrialisierten Geflügelzucht, die uns in Jahrzehnten genetischer Selektion spezialisierte Legehennen und spezialisierte Masthühner geliefert hat. Da die Brüder der Legehennen nicht recht Fleisch ansetzen, sind sie viele Jahre lang direkt nach dem Schlupf getötet worden. Bis Carsten Bauck und seine Mitstreiter kamen und mit der Bruderhahn-Initiative erstritten haben, dass das Kükenschreddern aufhört.

Das war aber noch nicht das, was eigentlich erreicht werden sollte. Die Biobauern wollten weg von der industrialisierten Zucht, sie wollten zurück zum sogenannten Zweinutzungshuhn, das Eier und Fleisch liefert, wie das früher üblich war. Und sie waren damit auf einem guten Weg – mit der eigens dafür gegründeten Ökologischen Tierzucht und ihren ÖTZ-Hühnern.

Wie anders die Tiere sind, die von der ÖTZ gezüchtet wurden, oder auch wie sehr sie wieder ursprünglichen Hühnern gleichen, das hat mir Carsten Bauck beschrieben, als er sie gerade neu aufgestallt hatte. 2022 war das, im Podcast »Anmerkungen zum Haushuhn« und dem zugehörigen Blog. Es schien eine Zeit des Aufbruchs, der noch einmal greifbarer wurde, als dann die Pandemie über uns hereinbrach und wir uns alle auf uns selbst zurückgeworfen fanden.

»Was wir erlebt haben in den Jahren vor und während Corona, war ein deutlicher Nachfrageüberhang«, sagt Carsten Bauck. »Sehr viele Menschen haben sich immer intensiver mit ökologischer Landwirtschaft und mit guter Tierhaltung beschäftigt.« Ihm erschien es damals so, dass viele Menschen sich wirklich mit unseren Nutztieren, deren Wesen und ihrer Haltung auseinandersetzten. »Dann kam Corona und es wurde plötzlich sehr differenziert. Wir hatten sehr, sehr viele explizite Nachfragen: Wie arbeiten wir hier? Damals gingen er und seine Kolleginnen und Kollegen davon aus, dass dieses Interesse anhalten und das zugehörige Bewusstsein nicht wieder verschwinden würde.  »Wir haben uns darauf eingestellt, die Erwartungen unserer Kunden zu erfüllen und unsere Arbeit transparent darzustellen.«

Die Erwartungen der Kundinnen und Kunden zu erfüllen, das hieß damals auch, die industriellen Hybridhühner durch die Tiere aus der Ökologischen Tierzucht zu ersetzen. Das hatte der Bauckhof schon vor Corona angefangen, und der Bio-Boom, den die Pandemie auslöste, puschte dann auch diese Entwicklung. Zunächst waren zwei der sechs großen Legehennen-Mobilställe in Klein-Süstedt mit ÖTZ-Hühnern belegt.

Und das war genau das, was die Demeter-Geflügelhöfe und damals auch deren Kundinnen und Kunden wollten: »Wirklich der Lückenschluss«, sagt Carsten Bauck, »die Kompromisse überwunden, die es rund um die Hühnerhaltung gibt. Wir hatten wirklich den Topstandard, den wir immer haben wollten, in zwei von sechs Stellen schon realisiert. Und wir waren dabei, den dritten der sechs Ställe mit ÖTZ-Hühnern zu belegen.«

Rollback

Bis dann Wladimir Putin den russischen Krieg gegen die Ukraine mit dem Einmarsch eskalierte und die »Zeitenwende« eine Rolle rückwärts brachte. Geschuldet wahrscheinlich eher der Inflation und den steigenden Energie- und Lebensmittelkosten.

Wobei die Lebensmittel im Biobereich damals kaum teurer wurden. Die konventionellen Lebensmittel waren die Treiber, denn die konventionelle Landwirtschaft wird mit Öl und vor allem Erdgas betrieben. Das Öl braucht die Industrie für die Pestizide, mit dem Gas wird Kunstdünger hergestellt. Egal, die Kundinnen und Kunden, die eben noch auf Tierwohl und Ökologie Wert legten, waren plötzlich woanders.

»You get what you give«, sagt Carsten Bauck. Wer beim Eierkauf spart, schadet den Hühner ganz direkt. | Foto: Bauckhof

»Es fragt kaum noch jemand, wie wirklich die Themen rund um die Landwirtschaft und in der Tierhaltung bearbeitet werden«, sagt Carsten Bauck, »Themen wie Bruderhahn, ökologische Tierzucht, Dinge, die wir auch hier auf dem Betrieb mit vorangetrieben haben, interessieren kaum noch.«

Im vierten Jahr nach dem russischen Einmarsch, nach einer deutlich gesunkenen Inflation, geht es den Biohöfen etwas besser. »Aber«, sagt Carsten Bauck, »wenn wir nicht umgesteuert hätten, würden wir von der Substanz leben und könnten den Hof nicht mehr weiterentwickeln.« Das hätte keine Zukunft und er wäre dann wohl falsch in seinem Job, wenn er das zugelassen hätte.

Das Ergebnis: Heute leben nur noch in einem der sechs Mobilställe ÖTZ-Hühner. »Und die subventionieren wir mit den produktiveren Hennen aus industrieller Zucht in den anderen fünf Ställen.« Mit all den Kompromissen, die das mit sich bringt: Mit den mageren Bruderhähnen, die aufgezogen werden, die aber eigentlich keiner haben will; mit den dürren Legehennen, die am Ende nicht mal ein anständiges Suppenhuhn abgeben.

»Wir sind ja immer noch in einer Art Kriegsmodus«, sagt Carsten Bauck, »und da müssen dann Lebensmittel günstig sein. Der Deutsche fängt dann sehr an zu sparen, dann kommt die German Angst und dann halten wir zusammen und dann soll es plötzlich günstig sein. Die gleichen Kundengruppen, denen vorher die Ideale nicht hoch genug sein konnten, sind jetzt plötzlich nicht mehr gewillt, diesen Prozess mitzugehen und haben alle mindestens eine Haltungsstufe niedriger eingekauft.«

Das heißt, wer vorher Demeter-Eier gekauft hat, kauft jetzt Bioeier, wer vorher einfache Bioeier nach EU-Standard gekauft hat, kauft jetzt Freiland. So sieht das der Geflügelhalter, der seine ohnehin betriebsintern subventionierten ÖTZ-Eier unter dem Gestehungspreis abgeben muss. Was andere Höfe so ganz sicher nicht praktizieren. »Das ist Geld sparen auf dem Rücken der Tiere und zwar sehr direkt. Kaufe ich eine Haltungsstufe günstiger, dann verändert das unmittelbar den Tag des Lebewesens, von dem die Eier kommen!«

So direkt funktioniert der Markt bisweilen, der Lebensmittelmarkt eigentlich immer. Es wird produziert, was wir mit dem Einkaufswagen ordern. »You get what you give«, sagt Carsten Bauck.

Wer wirklich gute Eier aus den besten Haltungsformen haben will, darf nicht aufs Geld schauen. Als ich letztens im Hofladen eines anderen Demeterhofes stand, der keine eigenen Hühner hält, wurden dort Bauckhof-Eier angeboten – für siebzig Cent das Stück.

Ein stolzer Preis, sage ich zu Carsten Bauck. » Ja, ich bin auch nicht angetreten, das Ei zu einem besonders günstigen Lebensmittel zu machen«, sagt er. Und erinnert zurück an die Nachkriegszeit, also die nach dem Zweiten Weltkrieg, als es die industrielle Zuchtdifferenzierung in Legehennen und Masthühner noch nicht gab: »Da war das Ei im Verhältnis zum Bruttolohn ein teures, sehr wertvolles Lebensmittel.« Erst mit der Käfighaltung und der genetischen Zurichtung der Hühner sei das zu einem Ramschartikel geworden. »Und die Kunden haben sich daran gewöhnt, dass ein Ei für zehn Cent zu kriegen ist.«

Das sei bei einem Demeter-Ei, produziert mit den höchsten Standards, angesichts des Einsatzes an Futtermitteln, Stallplatz, Auslauf und Arbeit, eben nicht machbar. Im Gegenteil: Das Ei für siebzig Cent sei eher günstig. »Da hat sich der Handel sehr diszipliniert«, sagt Carsten Bauck, »ich kenne die Preise in der Kette dazwischen. Unsere ÖTZ-Eier können gar nicht unter einem Euro im Handel kosten, und dann hat der Handel das fast durchgereicht.« Ja, das sei sehr viel mehr, als das, was ein konventionelles Ei koste, und auch noch deutlich mehr, als ein Bio-Ei aus einer der riesigen Haltungen. »Aber das ist unsere Lebensrealität!«

Wenn Menschen die Chance haben, Hühner wirklich kennenzulernen, verändert sich ihr Verhältnis zu den Tieren grundsätzlich, sagt Melissa Caughey. | Foto: Terry Calla

Spatzenhirn?

Die Autorin Melissa Caughey, deren Hühnerbücher in den USA Bestseller sind, vermutet, dass wir Eierkäuferinnen und Eierkäufer nur deshalb so umgehen können mit den Tieren, die uns die begehrten Eier liefern, weil wir sie missachten und keinen realen Kontakt zu ihnen haben.

»Wie oft hast du schon den Begriff »Spatzenhirn« gehört? Auch wenn Vögel traditionell als dumm gelten, haben Jahrzehnte der Forschung gezeigt, dass viele Vögel über das gleiche Maß an intellektuellen Fähigkeiten, sozialen Verhaltensweisen und emotionaler Tiefe verfügen wie Säugetiere. Doch viele Menschen denken noch immer, dass Hühner eher am unteren Ende des Intelligenzspektrums stehen. Ich vermute, das liegt daran, dass Hühner zwar die häufigsten Nutztiere der Welt sind, viele Menschen aber noch nie ein echtes Huhn gesehen oder es gar kennengelernt haben.

Obwohl der Wert dieser Vögel überwiegend ökonomisch erfasst wird, bin ich der Meinung, dass diese Sichtweise sich oft ändert, sobald Menschen mit Hühnern leben. Weil Hühner Gefühle haben, können wir uns auf einer gewissen Ebene mit ihnen identifizieren. Wir können eine Beziehung zu ihnen aufbauen, weil wir emotional mit ihnen verbunden sind. Deswegen sind sie auch so wunderbare Haustiere!«

Was Melissa Caughey in »How to read a Chicken‘s Mind« schreibt, können die meisten von uns wohl nicht nachvollziehen, weil sie gar nicht die Möglichkeit haben, Hühner zu halten und sich mit ihnen zu verbinden. Umso wichtiger ihr Buch, das uns die Hühner näherbringen will. Vielleicht gibt’s ja einen Weg vom Lesen zum Begreifen, zum Greifen. Vielleicht zuckt ja die Hand dann demnächst zurück, wenn sie über den Einkaufswagen zum Billigei oder auch nur zum preiswerteren, eine Haltungsstufe drunter, greifen will.

Wobei, eine Haltungsstufe unter den bisherigen Gewohnheiten der Biokunden, die einstmals auf Tierwohl und Produktqualität achteten, ist ja noch nicht das Billigei aus der Käfighaltung aus dem Ausland.

Das sei hier nur am Rande erwähnt: Seit diesem Jahr gibt es keine deutschen Käfigeier mehr. Jetzt, im letzten Schritt eines jahrelangen Prozesses mit ebenso langen Übergangsregelungen, ist auch die sogenannte Kleingruppenhaltung von Legehennen in Deutschland verboten. In der Europäischen Union gibt es allerdings noch immer kein Verbot, und Käfigeier aus den Nachbarländern dürfen auch weiter in Deutschland verkauft werden. Und auch bei uns konnten die Käfighalter auf die sogenannte Volieren-Haltung umsteigen. Das ist eine Form der mehrstöckigen Haltung ohne Käfig, bei der der Platz pro Huhn ungefähr ein DIN A4-Blatt groß ist. Ob das nun ein Fortschritt ist, angesichts all der Dinge, die wir inzwischen über Hühner wissen?

Noch ein Paket Wissen obendrauf, wieder von Melissa Caughey:

»Spielverhalten gilt als Merkmal höherer Intelligenz. Von vielen Tieren wissen wir, dass sie spielen, etwa von Schimpansen, Ottern und Raben.

Einige Forscherinnen sind der Ansicht, dass Verhaltensweisen wie Luftsprünge und Herumgetolle bei Hühnern als Spielen verstanden werden können. Ich habe Hühner schon mit Gegenständen spielen sehen, die eine Belohnung liefern, zum Beispiel mit Bällen, die Leckerbissen freigeben, wenn sie bewegt werden. Ich weiß, dass sie Freude daran haben, auf eine Hühnerschaukel zu springen und zu schaukeln, auf dem Xylofon oder einem Spielzeugklavier ihre Hühnerkompositionen zum Besten zu geben und neugierig nach einem Spiegel zu picken.«

Die Käfighaltung von Legehennen ist in Deutschland seit Anfang 2026 verboten. Dies hier ist aber nicht etwa der neue Standard für die Legehennen. Die ist tatsächlich Tierwohl: Auslauf unter Pappeln, die Schutz vor Greifvögeln bieten.

Rückbau

Als ich damals 2022 mit Carsten Bauck über den Aufschwung der Ökologischen Tierzucht sprach, als er recht begeistert berichtete, wie anders die neuen Zweinutzungshühner sind, wie viel ursprünglicher, da war gerade Zuversicht angesagt und entsprechend optimistische Zukunftsplanung.

Der Bauckhof in Klein-Süstedt, der mit der Hühnerhaltung von den drei Bauckhöfen, also der, den Carsten Bauck verantwortet, war am Expandieren. Neben dem eigenen Geflügelschlachthof, der schon deshalb aufgebaut worden war, weil die Hühner, die ihr ganzes Leben im Freiland Auslauf hatten und immer selber wählen konnten, wohin sie gehen, nicht am Ende in enge Käfige gepfercht von Lastwagen durch die Gegend gekarrt werden sollten — neben diesem Muss für das Tierwohl, war gerade eine eigene Fleischverarbeitung aufgebaut worden.

In einer neuen Großküche produzierte der Bauckhof Lebensmittel in Gläsern, zum Beispiel Hühnerfrikassee für Erwachsene und für einen Hersteller von biologischer Kinderkost. Auch Eintöpfe und Geflügelwürste entstanden damals. Die Köchinnen und Köche waren innovativ und entwickelten neue Rezepte. Die neuen Waren fanden viele Abnehmer. Der neue Geschäftsbereich brummte. Und getreu der wirtschaftlichen Binse, dass erst die Verarbeitung der Rohstoffe das Geld bringt, machte der Hof Gewinn, den er in neue Entwicklungen stecken konnte.

Und dann? »Dann mussten wir den ganzen neuen Geschäftsbereich wieder abwickeln«, sagt Carsten Bauck. »In dem der Landwirtschaft nachgelagerten Bereich haben wir auch Leute entlassen. Glaswaren und Wurst machen wir nicht mehr.« Und das gilt nicht nur fürs Geflügel, nicht nur für den Bauckhof bei Uelzen, sondern auch für die beiden anderen Bauckhöfe in Amelinghausen und Stütensen in der Lüneburger Heide. »Wir machen keine Rind- und Schweinefleischverarbeitung mehr hier. Die Rinder unseres eigenen Betriebes gehen in die Babykost.«

Das ist für den Rinderliebhaber Carsten Bauck ein besonders dunkles Kapitel: Er muss seine Bullen abgeben. »Seit der Hof 1932 von meinen Vorfahren auf Demeter umgestellt wurde, gibt es hier Rinder. In diesem Jahr gehen sie nun vom Hof.«

Ebenso dunkel die Abwicklung des neuen Geschäftsbereichs Fleischverarbeitung. Die wirtschaftliche Binse, dass erst die Verarbeitung der Rohstoffe das Geld bringt, angesichts der Biokrise stimmt auch die nicht mehr. »Wir haben sieben Leute entlassen, die wirklich eine ganz, ganz hervorragende Arbeit gemacht haben. In Zeiten von Fachkräfteman­gel wirklich gute Leute gehen lassen, das ist schon eine abstruse Situation.« Niemand wurde arbeitslos, natürlich nicht, Metzger werden gesucht. »Aber vor dem Hintergrund, dass ich gedacht habe, dass wir immer tiefer in die Wertschöpfungs- und Wertschätzungskette gehen, ist das besonders bitter.«

Dass die Fleischverarbeitung nicht mehr tragbar war, liege auch daran, »dass wir eine Manufaktur sind und keine industrielle Verarbeitung aufbauen wollten«, sagt Carsten Bauck. »Der Biobereich bei den Supermärkten und bei den Discountern stellt auch Wurst in einer Kostenstruktur zur Verfügung, wo zumindest ich mir nicht erklären kann, wie das möglich ist. Wurst ist heute sehr günstig und das ist nicht das, was wir können, weil wir eben Wurst nur aus Fleisch herstellen können. Insofern passt das nicht.«

Aha, die Baucks können Wurst nur aus Fleisch herstellen. Woraus besteht dann die billige Wurst? Zu Herstellung und Nebenstoffen lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihren Discounter …

Osterwunsch

Und was sagt Carsten Bauck, der eigentlich über Ostern gar nicht mehr reden will, weil »die Medien da immer nur schöne Geschichten hören wollen« – was sagt er, wenn ich ihn dann doch frage, was er sich von uns Eierkäufern und Eierkäuferinnen zu Ostern wünscht. Natürlich ist es ein Wunsch nach einem anderen Umgang mit dem Ei.

»Es gibt viele Menschen, die das ganze Jahr über keine weißen Eier haben wollen, weil weiße Eier für sie das konventionelle Käfigei repräsentieren. Die kaufen also das ganze Jahr über braune Eier. An Ostern muss es dann aber weiß sein, damit sie es färben können. Es soll aber möglichst vom gleichen Hof kommen, im Idealfall von der gleichen Henne. Es wäre ganz schön, wenn da mal über die Sinnhaftigkeit dieses Verhaltens nachgedacht würde. Dazu sind jetzt keine geistigen Höhenflüge nötig. Und ich glaube, das würde den Menschen guttun – und den Hühnern unmittelbar.«

Die Hühner aus ökologischer Zucht, von denen ja anscheinend niemand mehr etwas wissen will, legen übrigens meist hellschalige Eier, die man gut färben kann.