Ende des Bio-Booms

Handarbeit bei der Ernte will bezahlt sein. Aber teurere Qualitätslebensmittel bleiben in der Krise immer häufiger liegen. Der Absatz der Bio-Erzeuger stockt. Auch bei der Solidarischen Landwirtschaft. | Foto: Kattendorfer Hof / Tom Pingel/Julia Kneuse

„Dem rasanten Aufschwung von Bioprodukten in den vergangenen Jahren folgt die Ernüchterung: Konsumenten lassen die teurere Ökoware links liegen.“ Nein, das ist nicht die Folge von Pandemie und Russlands Krieg in der Ukraine. Das ist auch nicht den gestiegenen Energiepreisen und der Inflation geschuldet. Das hat mit den derzeitigen Krisen gar nichts zu tun. Der Satz stammt nämlich aus einem Artikel der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahr 2010. Überschrift damals: „Der Anfang vom Ende des Bio-Booms“.

Vor zwölf Jahren hat sich die Prognose, dass der Biosektor schrumpft, als falsch herausgestellt. Jetzt allerdings könnte das Schrumpfen eintreten. Weshalb? Dafür gibt es viele Erklärungen, oder sagen wir: Erklärungsversuche. Ich habe mir einen vermeintlich ganz besonders krisensicheren Teil der Biobranche angeschaut: die Solidarische Landwirtschaft. Und da einen Hof, der dieses Geschäftsmodell schon ein Vierteljahrhundert betreibt – und in der Pandemie zum ersten Mal einen Einbruch erleben musste.

Das System

Der Kattendorfer Hof liegt rund dreißig Kilometer nördlich von Hamburg und bewirtschaftet seit einiger Zeit auch eine zweite Hofstelle zwanzig Kilometer weiter östlich: das Gut Neverstaven. Zusammen sind das 435 Hektar Grünland, Acker- und Gemüsebau, mit einer Kuhherde, mit Angler-Sattelschweinen, einer Meierei und einer Käserei. Das Ganze nach Demeter-Richtlinien in möglichst geschlossener Kreislaufwirtschaft bewirtschaftet.

Solidarische Landwirtschaft oder SoLaWi ist ein Konzept der Kooperation von Verbrauchern mit Landwirten. Die Konsumentinnen und Konsumenten werden Mitglieder und kaufen damit einen Anteil an den Hofprodukten. Der Kattendorfer Hof vergibt 650 Ernteanteile, die die Mitglieder in sieben Hofläden in Hamburg, Bad Oldesloe und Kattendorf abholen können. Daneben gibt es noch diverse FoodCoops, Gruppen von Mitgliedern, die ihre eigenen Abholstellen für die Lebensmittel organisieren.

Das ganze System Kattendorfer Hof ist seit nun schon über zwei Jahrzehnten stetig gewachsen. Mit jedem neuen Hofladen kamen neue Mitglieder hinzu, konnten mehr Ernteanteile verkauft und mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt werden; über achtzig sind es jetzt. Und dann kam die Pandemie. Und mit deren gefühltem Ende der Krieg in der Ukraine.

Wo alles anfing: Der erste Hofladen in Kattendorf ist auch Lebensmittel-Abholstation für die Mitglieder der Solidarischen Landwirtschaft. Wichtiger aber sind die Läden und FoodCoops in der Stadt. | Foto: Kattendorfer Hof / Tom Pingel/Julia Kneuse

Der Boom

„Am Anfang haben wir es kaum geschafft“, sagt Lisa Hoffmann, die seit fünf Jahren im Hofladen im quirligen Hamburger Bezirk Eimsbüttel arbeitet. Der Laden ist klein, wie alle Hofläden der Kattendorfer. Und die Pandemie brachte alsbald Beschränkungen. Nur vier Kundinnen oder Kunden durften gleichzeitig im Laden sein. Aber plötzlich waren alle zuhause: Lockdown, Home-Office, Kneipen dicht. Entsprechend lang war die Warteschlange vor dem Laden. „Wir waren fix und fertig“, sagt Lisa Hoffmann: „Und wir mussten ja dazu auch noch ständig Nein sagen: Jetzt sind wir voll, der Nächste muss bitte draußen warten. Es gab immer nur negative Gespräche.“

Nicht nur die Stamm- und Laufkundschaft fand sich plötzlich draußen auf der Straße im Hamburger Schmuddelwetter wieder, auch die Mitglieder der SoLaWi mussten vor dem Laden warten. Das fand Lisa Hoffmann besonders herausfordernd, „denn die Mitglieder haben ihren Ernteanteil ja schon bezahlt und wollen ihre Ware nur abholen.“

Aber: Der Laden brummte. Die ersten Monate der Pandemie wollten die Schlangen vor der Türe einfach nicht kürzer werden. Das war die Zeit, in der die Familien auch vermehrt Biokisten nach Hause orderten. Es wurde zuhause gekocht und es sollte wenigstens was Gutes auf den Tisch in der ganzen Misere: Bio boomte.

Und irgendwann, nach einem gefühlt sehr langen Vierteljahr, ging das Einkaufen den Leuten dann zunehmend auf die Nerven. Jetzt bekamen Lisa und ihre Kolleginnen und Kollegen von Mitgliedern und dann auch von Stammkunden des Hofladens zu hören, dass sie nun keine Lust mehr hätten. „Und mit dem zweiten Lockdown kam dann der Cut!“

Lächeln hinter Plexiglas. Noch immer prägt die Ausstattung der Pandemie die kleinen Läden. Lisa Hoffmann im Kattendorfer Hofladen in Hamburg Eimsbüttel. | Foto. Florian Schwinn

Der Schnitt

Die Stadt war leer damals. Kaum mehr Menschen auf der Straße. Mit den ersten Corona-Toten war die Angst vor Ansteckung gewachsen. Mit ihr blieben die Laufkunden weg, und dann auch Stammkunden. Dann war nicht nur die Straße leer, sondern auch der Hofladen.

„Vor der Pandemie haben wir in den Hofläden einen Wochenumsatz von 35.000 Euro gemacht“, sagt Mathias von Mirbach, einer der Gründer des Kattendorfer Hofes. Er kennt die Entwicklung seit 1995 und die zeigte bis zur Pandemie nur in eine Richtung – nach oben. 2021 dann, zwischen zwei Lockdowns, eröffneten die Kattendorfer dann noch einen Hofladen in Bad Oldesloe, benannt nach dem dazu gekommenen Gut Neverstaven. Der neue Hofladen lief auch sehr gut an. Das bedeutete aber nur, dass alle Hofläden zusammen wieder 35.000 Euro Wochenumsatz machten – wie vor der Pandemie. Aber mit einem Laden mehr und entsprechend mehr Personal und Kosten. „Bereinigt bedeutet das ein Minus von 8000 Euro pro Woche“, sagt Mathias von Mirbach. Das ist ein Umsatzrückgang von fast 23 Prozent. Und das Schlimmste sei, sagt Mathias von Mirbach: „Das klettert jetzt auch nicht mehr hoch.“

Erklärungsversuch: „Am Anfang war es gut, weil die Leute mehr zuhause waren, mehr daheim gekocht haben, die Strukturen vor Ort unterstützen wollten. Und der Hof hat zeigen können, dass wir die Leute mit Ware versorgen können und das führte zu entspannten Kunden. Und dann ging es runter, weil nur so wenig Menschen in die Läden durften. Für Bio-Supermärkte oder auch Supermärkte mit Bioangebot war das kein Thema, weil die groß genug waren, um genügend Leute hereinlassen zu können.“

Und die Leute sind dann bei den Supermärkten geblieben und haben die kleinen Läden mit dem netten Plausch über den Ladentisch aus den Augen verloren? Dann dürften die Supermärkte aber nicht klagen, dass weniger Bio gekauft würde. Tun sie aber.

Nach stetig wachsender Nachfrage über 25 Jahre jetzt eine erste Krise – auch bei der Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln. Mathias von Mirbach, Gründer des Kattendorfer Hofes und seiner Solidarischen Landwirtschaft. | Foto: Florian Schwinn

Deutsche Reaktion

„Jetzt haben wir die nächste Krise“, sagt Mathias von Mirbach: „Und aus meiner Sicht sind wir an der Stelle sehr in Deutschland!“ Was meint im Land der Schnäppchenjäger und Sparer, oder im Land der German Angst?

Der Demeter-Bauer, der Bioware im hochpreisigen Segment produziert, sieht es pragmatisch: „Wenn’s hoch kommt nutzen die Leute zehn bis zwölf Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Ernährung. Und das ist dann der Bereich, wo die meisten auch zuerst sparen. Man kriegt die Produkte auch günstiger. Nicht diese, aber ähnliche. Und ich glaube, dass viele Leute jetzt wieder mehr schauen, wo sie etwas billiger bekommen.“

Was bedeutet, dass es auch mit der Solidarität vorüber ist, wenn das eigene Budget plötzlich endlicher aussieht, als in der Zeit davor? „Nein“, sagt Mathias von Mirbach, „die Mitglieder der SoLaWi sind nicht weggelaufen, aber es gab doch auch da einen kleinen Rückgang.“ Zum ersten Mal in der Geschichte des Kattendorfer Hofes haben die Mitglieder weniger Ernteanteile abgenommen, als der Hof bieten konnte. 670 hätten es sein sollen, 645 waren es. Bleibt das so, oder wird das wieder besser? Der Bauer zuckt mit den Schultern.

Die Probe aufs Exempel macht gerade der siebte Hofladen der Kattendorfer. Er wurde gerade eröffnet in einem nagelneuen Hamburger Stadtviertel, das es zuvor gar nicht gab, und in dem einmal fünftausend Menschen leben sollen. Ein Mitglied der SoLaWi ist schon dorthin gezogen und will für den Hofladen werben. „Wir werden sehen, ob das neue Mitglieder bringt“, sagt Mathias von Mirbach.

Geldsorgen

Der Biobauer sagt also, die Deutschen schauten in Krisenzeiten zuerst aufs Geld, und wenn es ans Sparen gehe, dann seien zuerst die Lebensmittel dran. Die Kauffrau für Naturkost im Eimsbütteler Hofladen sagt dagegen: „Ich kann das nicht bestätigen.“ Es gebe keine Gespräche übers Geld im Laden, sagt Lisa Hoffmann: „Unsere Kundschaft besteht ja aus Leuten, die grundsätzlich bereit sind, für Lebensmittel mehr Geld auszugeben als der Durchschnitt der Bevölkerung.“ Im Übrigen sei im Laden auch noch gar keine Preiserhöhung angekommen. Die Waren kosteten fast durchweg noch dasselbe wie im vergangenen Jahr. Eine kleine Anpassung bei tierischen Lebensmitteln habe es gegeben, die lag aber zeitlich vor dem Ukrainekrieg.

Das deckt sich mit meiner persönlichen Erfahrung, weshalb ich sehr dazu neige, ihr zu glauben. Überall wo ich in letzter Zeit in Hofläden und bei Direktvermarktern eingekauft habe, fragte ich nach den Preisen und erfuhr eigentlich immer, dass da nichts gestiegen sei. Beim Spargelbauern dieselben Preise wie im vergangenen Jahr. Auch die Erdbeeren exakt zum gleichen Preis.

Was sind wir bereit, dafür zu zahlen, dass die Tomaten schmecken und regional produziert sind, ungespritzt und ohne klimaschädlichen Rucksack? | Foto: Kattendorfer Hof / Tom Pingel/Julia Kneuse

Der Kattendorfer Hof hat jetzt allerdings angekündigt, dass er den Preis für die Ernteanteile der Mitglieder um zwei Prozent erhöhen muss. Um zwei Prozent. Wo soll die Teuerungsrate, die Inflation liegen? Bei acht Prozent. Ja gut, diese zwei Prozent kommen hinzu, sind aber auch nur deshalb so moderat, weil der Hof eben regional produziert und wenig zukaufen muss. Den Diesel für die Traktoren halt schon. Aber was ist das schon angesichts der gefühlten Teuerung bei den Lebensmitteln insgesamt.

Kann es vielleicht sein, dass die Lebensmittel hauptsächlich in den Supermärkten und bei den Discountern teurer geworden sind? Und da vielleicht hauptsächlich bei den konventionell produzierten, weil die eben abhängiger sind vom sogenannten Weltmarkt, dem Verschieben von Futtermitteln zum Beispiel? Kann es sein, dass es derzeit günstiger wäre, in Hofläden statt Supermärkten einzukaufen?

Lisa Hoffmann bestätigt das: „Ich schaue ja auch auf die Preise und sehe, dass sie nicht gestiegen sind. Aber ich glaube, dass auf die Menschen durch die stetige Präsenz des Themas Preiserhöhungen in den Medien Druck ausgeübt wird. Da wird Angst geschürt und die konditioniert uns, so dass wir denken, wir müssen unsere Taler zusammenhalten. Es geht nicht darum, was eine Nektarine jetzt kostet, sondern es geht um die Angst vor der Zukunft: Was ist, wenn ich am Ende des Jahres meine Heizung nicht mehr anmachen kann?“

Und was ist, wenn am Ende des Jahres der Bauer nicht mehr da ist, der deine Lebensmittel produziert?


Und demnächst im Blog und im Podcast dann: Wie funktioniert eigentlich Solidarische Landwirtschaft? Aus dem Innersten des Kattendorfer Hofes.